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Kritik: A pure Place (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der deutsch-griechische Regisseur Nikias Chryssos ("Der Bunker") versieht sein in einer dystopischen Zukunft angesiedeltes Drama über eine fiktive Sekte mit der Spannung eines Thrillers. Zugleich füllt er es wie eine Wundertüte mit überraschenden Zutaten, ein wenig griechische Mythologie, Nibelungensage, viel bunte Fantasie. Dadurch erhält die Geschichte, für die er mit Lars Henning Jung das Drehbuch schrieb, märchenhafte Züge. Die beiden jungen Hauptfiguren Irina und Paul scheinen dazu bestimmt – ob von der Vorsehung oder zufällig, bleibt offen – den Sektenführer Fust herauszufordern. Irina schlägt jedoch zunächst den gegenteiligen Weg ein, sie lässt sich von Fust blenden und ist sogar bereit, ihren Bruder Paul im Keller zurückzulassen, aus dem sie der Sektenführer herausgeholt hat.

Die Idee, dass geknechtete oder versklavte Arbeiter im Untergrund schuften müssen für den Wohlstand einer anderen Klasse, die oben lebt, gab es schon in Fritz Langs frühem Klassiker "Metropolis". Sektenführer Fust, der stets einen weißen Anzug trägt, und seine Jünger und Jüngerinnen wähnen sich auf einer höheren Stufe äußerer und innerer Reinheit. Sie waschen sich fleißig – aber dass ihre Seife von schmutzigen und somit in ihren Augen nichtswürdigen Kindern hergestellt wird, stört sie nicht. Wenn Irina bei Fust einmal das angeblich reinste Wasser, das es gibt, zu trinken gegeben wird, wirkt es im Glas reichlich trüb. Eine kurze ironische Einblendung zeigt, woher es wirklich stammt. Der sauberste von allen ist Fust selbst – und seine Macht über die anderen gottgleich.

In Rückblenden wird der Verblendung des Sektenführers psychologisch auf den Grund gegangen. Fust, den Sam Louwyck als ernsten, sich vornehm gebenden Hobbyphilosophen spielt, wirkt dennoch ziemlich rätselhaft. Irina erscheint lange recht naiv, während sich Paul überzeugend zum jungen Rebellen entwickelt.

Das Drama ähnelt einem getragenen und feierlichen Theaterstück, aber Chryssos macht auch regen Gebrauch von der gestalterischen Freiheit des Mediums Film. Irinas und Pauls Abenteuer werden oft parallel geschnitten, es gibt Rückblenden, Bilder für einen psychedelischen Rauschzustand und ein wenig Magie. Die fantasievollen, subjektiven Ideen lassen sich in ihrer Bedeutung nicht immer erschließen. Aber das parabelhafte Spektakel bleibt auch gerade ihretwegen unterhaltsam bis zum Schluss.

Fazit: Der Regisseur Nikias Chryssos erzählt von einer fiktiven Sekte in der Form eines märchenhaften Thrillers mit Bezügen zur klassischen Mythologie. Zwei Geschwisterkinder werden von einem gottähnlichen Sektenführer getrennt, als er das Mädchen zu seiner neuen Jüngerin erwählt und der Junge weiter im Keller Kinderarbeit verrichten muss. Der Sektenführer predigt Reinheit und hält seine kleinen Arbeiter für schmutzig, doch aus ihren Reihen erwächst Widerstand. Mit seiner bunten Ideenfülle wirkt das Drama oft etwas rätselhaft, aber es bleibt bis zum Schluss spannend und unterhaltsam.




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