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Wir alle. Das Dorf
Wir alle. Das Dorf
© Koberstein Film

Kritik: Wir alle. Das Dorf (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Wenn vom Dorfleben die Rede ist, dann ist das in der Regel negativ konnotiert. Zwar hat sich in den vergangenen Jahren unter Großstädtern eine regelrechte Landlust entwickelt, die sich nicht zuletzt in unzähligen Publikationen zu diesem Thema widerspiegelt. Beim Begriff "Dorfleben" kommt den meisten aber der Mief des Provinziellen, die Enge und das Abgehängtsein in den Sinn. Landflucht und Strukturwandel sind die Folgen. Wie man ein Dorf – selbst in einer strukturschwachen Region wie dem Wendland – anders denken kann, das zeigt Antonia Traulsens und Claire Roggans Dokumentarfilm.

Traulsen und Roggan haben das Projekt über mehrere Jahre hinweg begleitet und Vertrauen zu den Beteiligten aufgebaut. Die daraus resultierende Nähe ist eine große Stärke ihres Films, der immer dann am besten ist, wenn die Beteiligten frei von der Leber weg reden und ihre Gedanken und Gefühle ungefiltert mit dem Publikum teilen. Eine andere Stärke sind einander ähnelnde Verhaltensweisen, Abläufe und Strukturen, die Traulsens und Roggans Doku ganz nebenbei abbildet und die viele aus ihrem eigenen Leben wiedererkennen dürften.

In Deutschland, so hat es den Anschein, wird nichts ohne Sitzungen, Diskussionsrunden und Abstimmungen entschieden. Zudem ist es hierzulande unheimlich schwer, in Frieden zu leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Und egal ob in der Schule, im Verein, in einer Wohngemeinschaft oder am Arbeitsplatz – überall scheinen sich die Menschen in Fleißige, Faule und Nörgler aufzuteilen, in gutmütige Menschen, die für die Gemeinschaft freiwillig mehr leisten und jene, die nur das Nötigste tun oder sich gar vor der Arbeit wegducken, weil sie wissen, dass sie von der Arbeit der Gutmütigen profitieren. Es ist erleichternd und zugleich ernüchternd zu sehen, dass das auch bei einem Projekt wie dem im Film vorgestellten nicht anders abläuft.

Bei allem Positiven hat dieser Film aber auch ein paar blinde Flecken. Die angestrebte Einbindung der Geflüchteten funktioniert nicht so, wie sich die Initiatoren des Projekts das vorgestellt haben. Warum es so weit gekommen ist, lässt sich nur in der Rückschau und mit viel Spekulation rekonstruieren. Hier haben es die Filmemacherinnen versäumt, von Anfang an auch Geflüchtete in den Blick zu nehmen und zu befragen. Ebenso wird dem Publikum bis zuletzt nicht so richtig klar, weshalb dieses Dorf abseits der Herkunft und Demografie seiner Bewohner zukunftsträchtig sein soll. Häufig ist davon die Rede, dass es ökologisch sein wird und an einer Stelle heißt es, dass es autofrei sein wird. Doch worin genau all die Nachhaltigkeit besteht, bleibt offen.

Letzten Endes interessieren sich die Regisseurinnen ein wenig zu viel für den Baufortschritt und die Menschen und vergessen darüber, dass Projekt an sich vollumfänglich vorzustellen.

Fazit: Für ihren Dokumentarfilm "Wir alle. Das Dorf" haben Antonia Traulsen und Claire Roggan ein Modellprojekt über mehrere Jahre hinweg mit der Kamera begleitet. Dabei kommen sie ihren Protagonisten sehr nahe und zeigen die Hindernisse und Schwierigkeiten eines solchen Projekts auf. Leider konzentrieren sie sich ein wenig zu sehr auf den Baufortschritt und die daran beteiligten Akteure und verlieren das wirklich Zukunftsfähige einer solchen Utopie aus den Augen.




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