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Genderation
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© Salzgeber & Co. Medien GmbH

Kritik: Genderation (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Monika Treut hat sich lange vor ihrem bahnbrechenden Film "Gendernauts" (1999) mit den Themen Gender und trans befasst. Bereits einer ihrer ersten Kurzfilme trug den Titel "Unknown Gender" (1983), was auch Treuts eigene Verfassung widerspiegeln könnte. Denn "[s]chon als Kind fühlte ich mich nicht wohl in meinem biologischen und sozialen Geschlecht und opponierte dagegen", äußert die Regisseurin in einem Statement zu ihrem neuen Film. Eine Transition hat Treut allerdings nie durchlaufen. "Stattdessen habe ich versucht, die männlichen und weiblichen Anteile in mir zu versöhnen und den gesellschaftlichen Spielraum zwischen dem, was weibliches und männliches Verhalten und Auftreten ist, immer wieder auszuloten und zu beobachten", sagt Treut. Vielen ihrer Protagonist:innen erging und ergeht es ganz ähnlich.

Da ist etwa Sandy Stone, Jahrgang 1936, die sich als eine der ersten Menschen in den USA überhaupt in den 1970er-Jahren einer "geschlechtsangleichenden Operation", wie es damals hieß, unterzog und danach – wie zuvor – Beziehungen mit Frauen führte, bevor sie sich in den 1990er-Jahren in einen Mann verliebte, den sie in der virtuellen Computerwelt kennengelernt hatte. Wieso es klick gemacht hat, kann sie nicht sagen. Sie weiß nur, dass sie bis heute und auch mit über 80 Jahren jeden Tag aufs Neue sich selbst erforscht. Diese Gendernautin navigiert noch immer durch die eigene Genderidentität. Im Verlauf der Jahrzehnte ist daraus womöglich eine Genderation geworden. Zumindest schart Stone eine große Patchwork-Familie um sich. Wer darin wen liebt, welches Geschlecht hat und welche Rolle übernimmt, ist vollkommen egal.

Auch bei den übrigen Protagonist:innen hat sich seit der letzten filmischen Begegnung in "Gendernauts" eine gewisse Normalität eingestellt. Sie sind älter, ihr Leben ist ruhiger geworden. Während Annie Sprinkle und ihre Frau Beth Stephens als Künstler:innen und politische Aktivist:innen immer noch durch die Welt touren und in Treuts Dokumentarfilm unter anderem bei der 14. documenta in Kassel zu sehen sind, denken andere über ihren Ruhestand nach. Das dominierende Gesprächsthema ist nun nicht mehr, wie man als Transmensch am besten durch die Welt navigiert, sondern ob man sich diese Welt überhaupt noch leisten kann. Die Techbranche hat das Leben in San Francisco für Otto Normalverbraucher:in unerschwinglich gemacht. Von der vibrierenden Szene ist kaum noch etwas geblieben. Und so ist "Genderation" zu guter Letzt auch ein Film über sozialen Wandel, über Abschiede und die Erinnerung an vergangene Zeiten.

Fazit: In ihrem neuen Film begegnet Monika Treut den Protagonist:innen ihres Films "Gendernauts" (1999) wieder. Von der pulsierenden Community in der vibrierenden Metropole San Francisco ist nicht mehr viel geblieben. Dafür hat sich in den Leben der meisten Protagonist:innen eine gewisse Normalität eingestellt. "Genderation" ist ein Dokumentarfilm über persönlichen und sozialen Wandel und darüber, wie das Navigieren durch die eigene Genderidentität gelingen kann.




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