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Who's afraid of Alice Miller?
Who's afraid of Alice Miller?
© Arsenal

Kritik: Who's Afraid of Alice Miller? (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Wer hat Angst vor Alice Miller?" lautet der Titel dieses Dokumentarfilms ins Deutsche übersetzt. Und wer Martin Miller sieht, diesen gewaltigen Mann, neben dem Irenka Taurek, die Cousine seiner Mutter, wie ein Kind ausschaut, der wird nicht glauben, dass Martin Miller vor irgendetwas Angst hat. Doch auch dieser Mann war einmal ein Kind und hatte Angst vor seinem Vater, der ihn schlug, und vor der Mutter, die ihm mit Gefühlskälte begegnete.

Für seinen Dokumentarfilm hat Daniel Howald Martin Miller auf seiner Spurensuche begleitet. Der Sohn der berühmten Psychologin Alice Miller, die dem Film den Titel gibt, ist inzwischen selbst Therapeut. Seine traumatische Kindheit verfolgt ihn bis heute. Die Spurensuche wird immer stärker zu einer Art Therapie, je länger sie dauert, auch wenn es zunächst nicht danach aussieht. Denn Martin Miller scheint lange Zeit unversöhnlich mit seiner 2010 verstorbenen Mutter.

Martins Suche beginnt in den USA, wo er die Cousine seiner Mutter besucht. Irenka Taurek ist die letzte Holocaust-Überlebende aus Martins Familie und kurz nach den Dreharbeiten gestorben. Der Film ist ihrem Andenken gewidmet. Martin trifft Irenka in Warschau wieder, wo seine Mutter während des Zweiten Weltkriegs im Untergrund des Ghettos als Lehrerin unterrichtete, und fährt mit Irenka in Alice Millers Geburtsort Piotrków Trybunalski. Hier wie dort steigen sie gemeinsam mit Historikerinnen und Historiekern in die Archive und versuchen mehr über Martins Eltern in Erfahrung zu bringen. Dabei fördern sie auch Dinge zutage, die Martin bislang nicht wusste.

Daniel Howald hat seinen Dokumentarfilm recht klassisch gestaltet. Er folgt seinem Protagonisten chronologisch auf dessen Spurensuche, die ihn zwischendurch nach Berlin führt, wo er sich mit dem Therapeuten seiner Mutter unterhält. In den stillen Momenten liest die Schauspielerin Katharina Thalbach aus dem Off Briefe vor, die Alice Miller ihrem Sohn geschrieben hat. Deren Inhalt ist zunächst bitterböse und schlägt erst zu Millers Lebensende hin einen einsichtigen und versöhnlichen Ton an.

Howalds Film erzählt vom Schweigen vieler Holocaust-Überlebender und von den Traumata, die die Elterngeneration auf die zweite Generation vererbt hat. Sein Film zeigt aber auch, dass eine Versöhnung – selbst über den Tod hinaus – möglich ist.

Fazit: Der Dokumentarfilm "Who's Afraid of Alice Miller?" begibt sich zusammen mit seinem Protagonisten auf Spurensuche. Regisseur Daniel Howald ist ein sensibler Film über die Aufarbeitung eines Kindheitstraumas, über eine verschwiegene Familiengeschichte und über eine späte Versöhnung geglückt.




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