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Ted Bundy: No Man Of God
Ted Bundy: No Man Of God
© Central Film

Kritik: Ted Bundy: No Man Of God (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

True-Crime-Formate erfreuen sich international einer großen Beliebtheit – sei es in Buchform, als Podcast, als Serie oder als Dokumentar- und Spielfilm. Problematisch ist dabei häufig der extrem voyeuristische Charakter, der die Schicksale der Opfer von Verbrechen ausbeutet. Das auf Tatsachen basierende Krimidrama "Ted Bundy: No Man Of God" vermeidet diese Falle gekonnt. Nach einem Skript von Kit Lesser setzt die Regisseurin Amber Sealey nicht auf reißerische Thriller-Effekte, sondern liefert ein psychologisch hochinteressantes Kammerspiel, dem es zum einen gelingt, den Opfern des titelgebenden Serienmörders und Vergewaltigers einen eigenen Blick zu geben, und das zum anderen nicht Bundy, sondern den FBI-Agenten Bill Hagmaier zum Zentrum der Erzählung macht.

Der Film konzentriert sich zunächst darauf, die wechselhafte Dynamik in den Interviews zwischen Hagmaier und dem bereits inhaftierten und zum Tode verurteilten Bundy einzufangen. Die Gespräche, die überwiegend auf Tonbändern erfasst wurden, sollten dazu dienen, die Denkweise und das Verhalten von Serientätern besser zu verstehen, um das Wissen für die Aufklärung anderer Fälle einsetzen zu können. Wir erleben in "Ted Bundy: No Man Of God" mit, wie der FBI-Profiler das Vertrauen Bundys zu gewinnen versucht – und wie er sich darum bemüht, die Kontrolle innerhalb der Gespräche zu behalten. Dabei lässt sich beobachten, wie Grenzen immer mehr verschwimmen. Oft muten die beiden Männer fast wie Freunde an, die Geschichten austauschen.

Während uns assoziative Einschübe im Laufe des Films vermitteln, wie Hagmaier immer tiefer in Bundys Psyche hineingezogen wird, wird der weibliche Blick vor allem durch kurze, subtile Momente in das Geschehen integriert – etwa wenn junge Frauen als Zuhörerinnen im Bild erscheinen und wir mit deren Reaktionen auf die Taten und Schilderungen Bundys konfrontiert werden. Neben der hervorragenden Kameraarbeit und Montage sowie einem einnehmenden Score lebt "Ted Bundy: No Man Of God" nicht zuletzt vom Schauspiel. In Nahaufnahmen wird jede Regung in den Gesichtern erkennbar. Elijah Wood hat seinen Mut bei der Rollenwahl schon oft bewiesen – und verkörpert den FBI-Agenten und dessen ambivalente Gefühle äußerst glaubhaft. Luke Kirby ("Mambo Italiano", "Take This Waltz") agiert ebenfalls sehr facettenreich; Bundy wird dabei in keiner Weise glorifiziert. Und auch die Nebenparts – darunter Genre-Größe Robert Patrick ("Terminator 2") als Vorgesetzter von Hagmaier und Aleksa Palladino ("Boardwalk Empire") als Strafverteidigerin – vermögen zu überzeugen.

Fazit: Ein klug durchdachtes, intensiv gespieltes Krimi-Zeitstück, das seine Spannung nicht durch billige Mittel, sondern durch eine feine Figurenzeichnung erzeugt.




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