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Paris, kein Tag ohne dich
Paris, kein Tag ohne dich
© JIP Film und Verleih

Kritik: Paris, kein Tag ohne dich (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

In ihrem essayistischen Dokumentarfilm "Paris, kein Tag ohne dich" verarbeitet die deutsche Regisseurin Ulrike Schaz ein Erlebnis aus den 1970er Jahren – sowie die weitreichenden Konsequenzen für ihr Leben. Sie schildert, wie sie als 25-Jährige in Paris in Untersuchungshaft kam und dort tage- und nächtelang festgehalten wurde. Da sie auf dem Weg zu einer Party war, auf welcher der Terrorist Carlos drei Menschen erschoss, wurde sie ebenfalls für eine Terroristin gehalten.

Auf beklemmende Weise lässt uns Schaz spüren, wie traumatisierend die Erfahrungen mit dem Geheimdienst für sie waren. Neben ihren Worten und einem gelungenen Sounddesign kommt hier unter anderem ein Schattentheater mit Papierfiguren zum Einsatz, um die Geschehnisse darzustellen – ein sehr origineller und effektiver Einfall. Auch darüber hinaus ist Schaz' audiovisuelle Gestaltung höchst bemerkenswert. So werden etwa die Aufnahmen von Pariser Straßen um 180 Grad gedreht, um zu zeigen, das Schaz' Leben plötzlich kopfsteht. Ebenso werden Archivmaterial, Fotografien, Zeichnungen, Skizzen, Dokumente, Tagebucheinträge und mehr stimmig einbezogen.

"Paris, kein Tag ohne dich" macht deutlich, wie schnell ein junger Mensch zu Zeiten der RAF im deutschen Herbst unter falschen Verdacht geraten konnte. In Schaz' Fall genügte es schon, dass sie als Deutsche zur falschen Zeit am falschen Ort war (und womöglich, dass sie den Vornamen "Ulrike" trägt, wie ihr damaliger französischer Freund Jean Marie mutmaßt), um in den Datenbanken der Geheimdienste fortan als "Terroristin" oder "Freundin von Carlos" geführt zu werden und als Mitglied der Baader/Meinhof-Bande zu gelten. Nicht zuletzt ist Schaz' Werk ein erschütternder Film über Misstrauen, Denunziation und Fake News.

Fazit: Ein ebenso kritischer wie kreativer Film-Essay über eine traumatische Erfahrung und über den Umgang mit falschen Verdächtigungen.




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