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Kritik: Tropa de Elite (2007)


Der brasilianische Filmemacher José Padilha gründete seine Produktionsfirma Zazen Produções im Jahr 1997. Bis zu dem 2007 erschienen "Tropa de Elite" produzierte er mit dieser Firma ausschließlich Dokumentarfilme. So erzählte er etwa in dem 2002 veröffentlichten "Bus 174" von der zwei Jahre zuvor stattgefundenen, live im TV übertragenen Entführung eines Linienbusses in Rio, bei der einer der Fahrgäste von einer Polizeikugel getötet wurde.

Auch "Tropa de Elite", sollte ursprünglich ein Dokumentarfilm werden, der aus Sicht eines Mitglieds der Elitetruppe BOPE über den Kampf gegen Korruption, Drogen und Gewalt in den Rios Favelas berichtet. Über zwei Jahre recherchierte Padilha für das Projekt, fand dann aber nicht ein BOPE-Mitglied das bereit gewesen wäre, sich porträtieren zu lassen. So entschied sich Padilha schließlich dafür, das Thema in einem pseudodokumentarisches Action-Drama zu verarbeiten. Dabei versuchte er jedoch, in seinem Script reale Ereignisse, wie beispielsweise die Polizei-Operation zum Papstbesuch, zu integrieren. Da er Anfangs noch von BOPE unterstützt wurde (später versuchte die Polizei, den Filmstart gerichtlich verbieten zu lassen) konnte er seine Darsteller mehrere Monate in ein Ausbildungslager schicken, in dem sie wie BOPE-Aspiranten behandelt wurden.

Bei der Inszenierung nutzte er dann allerlei Tricks, um seinen Film so dokumentarisch wie möglich wirken zu lassen: Erzählt wird aus der Perspektive des fiktiven BOPE-Kommandanten Captain Nascimento, der mit einer Voice-Over die Szenen kommentiert. Die Darsteller erhielten kein Drehbuch, entsprechend wurden alle Szenen improvisiert und komplett durchgespielt. So wusste auch der Kameramann (gedreht wurde mit Steady-Cam) nicht, wo sich die Darsteller hinbewegen würden. Ohne Wegmarken musste er tatsächlich nach ihnen suchen - was sich natürlich auf die Kameraführung auswirkte.

Das Ergebnis ist ein gut gespielter, insgesamt gelungener, recht harter Action-Film der die Grenzen zwischen Gut und Böse, Kriminellen und Polizisten verschwimmen lässt und - wie vom Regisseur erwünscht- in Brasilien die Diskussion über die sich immer schneller drehende Gewaltspirale in den Favelas anheizte.

Die Vorführung auf der Berlinale 2008, wo "Tropa de Elite" mit dem Goldenen Bären als bester Film ausgezeichnet wurde, hat allerdings auf ein nicht unwesentliches Problem bei der internationalen Auswertung aufmerksam gemacht: Der Film wirkt auf brasilianische Zuschauer anders als auf internationale Zuschauer. Da in Brasilien Korruption unter Polizisten weit verbreitet ist und jährlich mehrere hundert Menschen von Polizisten getötet werden, ist ein BOPE-Kommandant aus Sicht eines Durchschnitts-Brasilianers sicher keine allzu vertrauenswürdige Quelle und die im Film enthaltene Kritik an Polizeigewalt somit offensichtlich. In Ländern aber, in denen Polizeigewalt eher Ausnahme als Regel ist, weckt der unter Panikattacken leidende BOPE-Kommandant, trotz seiner Brutalität, eher Sympathien. Die Subjektive tut dann ihr Übriges: Viele Zuschauer werden sich in die Irre führen lassen und sich mit dem faschistischen Kommandanten identifizieren. Und so muss man leider davon ausgehen, dass auch hier zu Lande der Film von vielen komplett falsch, nämlich als Verherrlichung der Polizeigewalt, verstanden wird. Dem Regissseur, der sich mit seinem Film zu allererst - und erfolgreich - an die brasilianische Gesellschaft richtete, kann man dies allerdings sicher nicht vorwerfen.

Fazit: Sehr gutes, hartes, aber leider (aus europäischer sicht) missverständliches pseudo-dokumentarisches Action-Drama über Polizeigewalt in Rios Favelas




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