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Kritik: X-Men Origins: Wolverine (2009)


Nachdem die Mutantencrew um den glatzköpfigen Supertelepathen und obersten Mentor aller "besonders Begabten" drei sehr erfolgreiche Filme abgeliefert hat, scheint es an der Reihe die einzelnen Team-Mitglieder näher zu beleuchten und ihnen eigene Filme zu spendieren. Die einen werden sagen: "Man muss die Kuh melken solange sie Milch gibt!" Für die anderen ist es ein langersehntes Wiedersehen mit ihren Lieblingscharakteren. Den Auftakt der "X-Men Origins"-Sequels bestreitet einer der interessantesten Charaktere, des überaus vielfältigen Universums, aus dem Hause Marvel: Wolverine.

Dem Kenner der Comicbücher wohl bekannt, bietet Wolverine enorm viel Potenzial für komplexe und düstere Geschichten. Mit vielschichtiger Mythologie ausgestattet und den diversen Anspielungen auf seine dubiose Vergangenheit, die im Plot der Comics über Jahre und Jahrzehnte aufgebaut, aber nie völlig aufgelöst wurden, bewegt sich der zwielichtige Held stets auf einem schmalen Grat zwischen moralisch und amoralisch, menschlich und animalisch. In ihm verquicken sich Motive der Werwolfmythologie mit Wissenschafts- und Militärkritik: den Fokus auf die Erschaffung von Übermenschen und Supersoldaten gelegt. Reichlich epischer Stoff also, großartige Geschichten zu erzählen und hohe Erwartungen zu schüren.
Kann eine Leinwandadaption dem allen gerecht werden? Es wurde sich zumindest redlich Mühe gegeben. Um einige Anpassungen aber, damit die Figur (kommerziell) funktionieren kann, war wohl nicht herumzukommen: Seine animalische, schwer zu kontrollierende Seite, die Wolverine nicht zu einem besonders moralischen Wesen prädestiniert, fiel zu einem gewissen Teil dem Dompteur-Zensus anheim. Die reißende Bestie, die in ihm wohnt, ist der gejagten und missbrauchten Kreatur gewichen, die nur tötet, wenn es nicht mehr anders geht.
Sei's drum, schließlich möchte man kein unverantwortlich-unethisches Vorbild abgeben. Schlimmer aber, dass die Figur ein wenig durchgespült und für neue Zielgruppen aufpoliert wurde: Eine tragische Liebesgeschichte und die unausweichliche Jackman-Body-Show, die aus dem guten Wolverine ein säuberlich eingeöltes Unterwäschemodel macht, garantiert reichlich Anreiz, dass sich die weibliche Jackman-Fangemeinde mit einer Tüte Popcorn bewaffnet ins Kino setzt, auch wenn ihr Superhelden, "X-Men" und Konsorten ansonsten schnurzegal sind.
Doch auch wem Jackman im Adamskostüm oder leicht bekleidet egal ist und der stattdessen schon lange wartete, Antworten auf Wolverines Alter und Herkunft zu bekommen sowie mehr über das unzerstörbare Metall Adamantium zu erfahren, wird dem Film einiges abgewinnen können. Man erfährt beispielsweise dass Wolverine einen Bruder hat, der über ähnliche Kräfte verfügt, aber noch weitaus unmoralischer damit umgeht. Nicht weiter verwunderlich, läuft es irgendwann auf einen Konflikt zwischen den beiden hinaus. Mit diesem "Pseudo-Kain-und-Abel-Motiv" aber nicht genug, wird dem ewig staunenden Zuschauer noch eine Menge über die Herkunft einiger anderer Mutanten verraten: "Die Insel des Dr. Moreau" lässt grüßen.
Action gibt es selbstverständlich reichlich, doch scheinen diesmal den Machern die hanebüchenen Realitäten etwas aus dem Ufer gelaufen zu sein: Was bei "X-Men" durchgängig gut funktionierte, versetzt selbst den Superhelden-Filmfreund mitunter über die Absurdität mancher Effekte in Kopfschütteln. Und der Hardcore-Marvelianer wird möglicherweise gar nicht so glücklich mit all diesen plakativ produzierten Antworten und vergleichsweise simpel aufgelösten Motiven sein, die Wolverine (ehemals) diesen besonderen und mythischen Touch verliehen haben. Zu viel wissen, muss nicht immer ein Segen sein.

Fazit: Wer auf solide gemachtes, breitentaugliches Popcorn-Entertainment steht und dem Superheldengenre einiges abgewinnen kann, wird sich gut unterhalten fühlen. Die schnulzig-tragischen Elemente verleihen dem Ganzen allerdings etwas bleiernes, so dass mitunter Geduld bis zum nächsten Actionhöhepunkt aufzuwenden ist. Ultimative Fans der Comic-Serie oder jene, welche die Messlatte auf Höhe der "X-Men"-Trilogie legen, könnten aber ein wenig enttäuscht werden.




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