VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Unter Kontrolle
Unter Kontrolle
© 2008 Warner Bros. Ent.

Kritik: Unter Kontrolle (2008)


15 Jahre hat Jennifer Lynch, Tochter des Filmemachers David Lynch, nach ihrem, von weitaus den meisten Kritikern in der Luft zerrissenen, Filmdebüt „Boxing Helena“ den Regiestuhl gemieden. Nun kehrt sie mit „Unter Kontrolle“ ins Filmegeschäft zurück.

Das ihr nach eigenem Drehbuch inszenierter Psychothriller wieder einige durchwachsene Kritiken erntete und sicher auch einige Kinogänger eher enttäuscht zurück lassen wird, hat allerdings weniger mit der Qualität des Films zu tun, als damit, dass bereits im Vorfeld sowohl von Lynch selbst, als auch vom Verleih falsche Erwartungen geweckt wurden:

Der Verleih konnte es sich bei der Vermarktung des Films ganz offensichtlich nicht verkneifen permanent und prominent darauf hinzuweisen, dass „Unter Kontrolle“ von Lynchs Vater David produziert wurde, dessen eigene Filme bekanntermaßen im allgemeinen so philosophisch wie rätselhaft sind. Die Autorin und Regisseurin Jennifer Lynch selbst hingegen lässt sich in Presseheft und Interviews immer wieder mit der Behauptung zitieren, „Unter Kontrolle“ sei inspiriert von Akira Kurosawas 1951 uraufgeführten „Rashomon“. In dem mehrfach ausgezeichneten Film hatte der japanische Regisseur in flirrender schwarz-weiß Fotografie bis dahin – vor allem im westlichen Kunsbetrieb - noch wenig beachtete Überlegungen zur Subjektivität der Wahrnehmung in Bilder gefasst. Ein und denselben Kriminalfall präsentierte Kurosawa  hierfür in einem imaginären Gerichtsverfahren aus der – sich teils widersprechenden - Sicht dreier Beteiligter. Was tatsächlich geschehen ist, bleibt offen –  die subjektive Perspektive macht Wahrheitsfindung unmöglich.
So sehr beeindruckte Kurosawa die Cineasten seiner Zeit, dass der inzwischen nicht gerade allzu selten eingesetzte filmischen Kniff, ein Ereignis aus mehreren unterschiedlichen Perspektiven zu präsentieren, seither als „Rashomon-Prinzip“ bezeichnet wird.     

Nun kann man nicht behaupten, dass die von Verleih und Regisseurin herangezogenen Vergleiche komplett verkehrt wären –  tatsächlich wird die Geschite eines Kriminalfalls aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Vor allem in den Anfangsszenen finden sich zudem auch einige Bilder und Motive die an Lynch Senior erinnern, zumal mit Bill Pulman und Julia Ormond alte Bekannte aus dem Lynchuniversum als Hauptdarsteller rekrutiert wurden. Aber: Das Spiel mit den Perspektiven macht noch keine philosphische Betrachtung, und optische Ähnlichkeiten führen nicht zwangsläufig auch zu inhaltlichen Parallelen. So werden all jene Kinogänger, die wegen der angeführten Vergleiche ins Kino gehen schwer enttäuscht sein. Denn wenn „Unter Kontrolle“ eines ganz sicher nicht ist, dann ein künstlerisch-philosophischer Arthouse-Streifen.
 
Ganz im Gegenteil: Lynchs Thriller ist weitaus geradliniger, verständlicher und „mainstreamiger“ als die genannten Vorbilder und erinnert vor allem mit dem bösen Ende weit mehr an Filme von Rob Zombie. Rätselhaft  bleibt dabei allenfalls, was genau uns eigentlich der Titel („Surveillance“ im Original) sagen soll, ist Überwachung im Film doch komplett bedeutungslos. Andere, vielleicht sogar tiefgründigere Fragen lässt das Ende nicht offen.  
Für's Hirn hat Lynchs Thriller also wenig zu bieten – als reine Unterhaltung aber funktioniert er durchaus – im Gegensatz zu Arthouse-Fans dürfte „Unter Kontrolle“ für eher unterhaltungssüchtige Freunde des Genres also  keine schlechte Wahl sein. Die Story ist nicht unspannend, ohne größere Patzer inszeniert und weitgehend gut gespielt (am Ende schießt vor allem Ormond etwas über das Ziel hinaus,  aber das lässt sich hinnehmen).
Richtig positiv fällt die Kameraarbeit auf: Gemeinsam mit Kameramann xyz entwickelte Lynch für jeden Protagonisten eine eigene Optik, so dass Perspektivwechsel immer auch mit einer anderen Farbgebung, Beweglichkeit und Aufnahmehöhe verbunden sind. Hinzu kommt bei allen Aufnahmen das flirrende Licht eines heißen Sommertags.

Fazit: Fiese Unterhaltung, statt Filmkunst - für Fans des Genres nicht die schlechteste Wahl.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.