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Helen
Helen
© 2009 Warner Bros. Ent.

Kritik: Helen (2008)


Gerade erst hat sich der hannoveraner Goalkeeper Robert Enke, nach lange erfolglos behandelter Depression, das Leben genommen und schon läuft ein Film an, der genau diese Erkrankung zum Thema hat. Von einer Marketing-Koinzidenz zu sprechen wäre aber nicht nur geschmacklos, sondern schlichtweg Unsinn.

Das Drama „Helen“, war schon lange abgedreht, die US-Premiere war im Januar diesen Jahres. Welche vertriebsbedingte Erwägungen darüber entschieden, den Film erst jetzt in den deutschen Kinos zu starten, sei dahingestellt. Die Vorzeichen liegen beim aktuellen Beispiel auch etwas anders: Bei Robert Enke waren der tragische Verlust seiner zweijährigen Tochter und der immense Druck, den man als Topsportler und öffentliche Person ausgesetzt ist, wesentliche Auslöser. Die wahre Heimtücke dieser Krankheit aber ist, dass sie oft unvermittelt kommt – quasi aus dem Nichts – und auch bei Menschen auftritt, deren Leben nahezu perfekt anmuten.

Helen (Ashley Judd) hätte eigentlich keinen Grund sich zu beschweren: Sie ist beruflich erfolgreich und unterrichtet Musik an einer Hochschule; bei ihren Studenten und Kollegen ist sie überaus beliebt, hat in David einen liebevollen Ehemann (Goran Visnjic) und ein inniges Verhältnis zu ihrer Tochter. Ohne besonderen Auslöser rutscht Helen aber plötzlich von der Sonnenseite des Leben ist die gefühlsmäßige Leere. Zunächst versucht sie das Problem zu überspielen, aber lange geht das nicht gut. Ihr Mann und ihre Tochter stehen dieser Veränderung hilflos gegenüber. Besonders David möchte helfen, doch seine gutgemeinten Aktionen erweisen sich als eher kontraproduktiv.

Es ist schlichtweg der Fehler, den die Umwelt an sich so oft begeht: entweder eine Depression überhaupt nicht ernst zu nehmen und als Verstimmung abzutun – die wirkliche seelische Pein ist für die Außenstehenden auch nicht nachvollziehbar – oder zu versuchen, diese Störung des Gefühlslebens wie eine konventionelle physische Erkrankung zu behandeln. Dieser sehr zurückhaltende Film schildert das alles unaufgeregt, aber in eindringlichen Bildern: Das plötzliche Hereinbrechen, Antriebslosigkeit, Teilnahmslosigkeit, sich an nichts mehr freuen können und schlichtweg einfach nichts mehr fühlen.

Am Ende ist der Kranke nicht nur von der Außenwelt völlig isoliert, sondern auch gefangen in sich selbst. Ashley Judd liefert eine äußerst glaubwürdige Darstellung der Krankheit. Sie durchlebt schrittweise alle Tiefs, tastet sich von einer emotionalen Krise zur nächsten und bleibt doch immer in ihrer Mitte haften. Die Bilder, welche die Protagonisten begleiten, dienen nicht dazu, plump den inneren Zustand widerzuspiegeln. Die bildhafte äußere Komposition steht ebenso wenig plakativ für die innere Befindlichkeit, wie die Wendungen einen rein kommerziell-dramaturgischen Zweck erfüllen sollen.

Die besondere Stärke dieses Dramas ist seine gute Balance: Es ist anschaulich genug, um die Gefühlshölle, welche die Erkrankten durchleben (be)greifbar zu machen; anderseits ist es eindringlich genug, um schonungslos alle Begleitumstände aufzuzeigen und die (unfreiwilligen) Fehler des Umfeldes zu beleuchten; und dabei sensibel genug, um Anteilnahme ohne tränenreichen Kitsch zuzulassen sowie das Licht am Ende des Tunnels durchscheinen zu lassen; schlussendlich aber auch ehrlich genug nicht zu verschweigen, dass nicht alle dieses Licht sehen werden und mitunter ihren eigenen Ausweg aus der Krankheit wählen.

Fazit: Gefühlsbetontes Drama, welches eine gesellschaftlich oft verdrängte Wahrheit offenlegt und sich nicht scheut tief in die Innenleben der Protagonisten einzutauchen, dort, wo es auch sehr schmerzlich werden kann. Vor allem Ashley Judd ist es zu verdanken, dass es möglich wird, komplett alle Phasen mitzuerleben und an dem Leid und der Verzweiflung, das mit dieser Krankheit einhergeht, zu partizipieren.




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