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Kritik: Boy A (2007)


Im Jahr 1993 wurde in England ein Kleinkind von zwei 10-jährigen ermordet. Der Fall erregte naturgemäß massives Medieninteresse. Um den noch Minderjährigen Tätern eine Chance auf Rehabilitierung zu geben, wurde schließlich per einstweiliger Verfügung die Nennung der Namen der Täter untersagt und so wurden sie fortan in der Presse nur noch als "Boy A" und "Boy B" bezeichnet. Der britische Nachwuchsautor Jonathan Trigell ließ sich von diesem Fall, bzw. dessen Medienecho,  zu seinem  Debütroman "Boy A" inspirieren, in dem er aus Sicht eines 24-jährigen Täters von dessen Versuchen erzählt, sich nach 15 Jahren Haft im normalen Leben  zurecht zu finden. Primär wirft sein Roman dabei die Frage auf inwiefern in unserer (Medien)Gesellschaft eine Rehabilitierung von Straftätern überhaupt möglich und erwünscht ist.  
2007 wurde von Drehbuchautor Mark O’Rowe und Regisseur John Crowley für den britischen Channel 4 adaptiert und bereits 2008 auf der Berlinale präsentiert. So wundert es denn auch, dass der Kinostart erst jetzt ansteht, ist "Boy A" zwar alles andere als Bombast-Kino, dafür aber doch ziemlich gelungen: Das script über weite Strecken fehlerfrei, die  Besetzung hervorragend,  und auch optisch gibt es rein gar nichts zu meckern.

Wie schon im Roman wird auch im Script die Wahrheit über Jacks Vergangenheit erst spät offenbar. Zwar erfahren wir direkt zu Beginn, dass Jack lange inhaftiert war, tatsächlich über die Hälfte seines Lebens, aber warum, und  ob die Verurteilung in irgendeiner Form gerechtfertigt war, erfahren wir zunächst nicht  - ein wichtiger Kunstgriff, um die Sympathie der Zuschauer sicherzustellen. Erst gegen Ende wird in Rückblenden Licht ins Dunkel gebracht -  wobei die Tat  nie ganz gezeigt wird. Dies kann man nun als Inkonsequenz von Drehbuchautor und Regisseur werten: als Scheu den sympathischen Charakter Jacks auf den letzten Metern komplett zu entzaubern; oder aber auch genau als das Gegenteil, als besondere Konsequen und Charaktertreue: da die Rückblenden Jacks Erinnerungen darstellen, stehen die Lücken für die verdrängten Ereignisse - eben jene, die zu grausam sind, als dass sie Jack ohne Schaden an seinem Selbstbild erinnern könnte.  Allerdings machen sich im letzten Drittel auch (kleinere) Längen bemerkbar, zudem sind die Schlusssszenen einigermaßen verwirrend, da offengelassen wird ob es sich hierbei nun um Traum oder Realität handelt.

Für die Hauptrolle wurde Newcomer Andrew Garfield engagiert - ein Glücksgriff. Garfield gibt dem aus der Haft entlassenen jungen Jack eine rührende Unsicherheit. Schüchtern und vorsichtig tastet er sich in die ihm völlig unbekannte Welt, ein schmales Kerlchen, mehr ein Kind als ein Mann, und gierig nach Anerkennung, gewillt zu beweisen, dass er nicht abgrund tief böse ist (wie man es ihm bei seiner Verhandlung unterstellte). Hin und wieder aber meint man, es unter der Oberfläche brodeln  zu sehen, nur für einen kurzen Moment, aber eben doch genug, um einen stutzen zu lassen.
Nicht weniger gekonnt steht Garfield Peter Mullen als Bewährungshelfer Terry zur Seite - ein väterlicher Freund und der einzige Mensch, mit dem Jack offen reden kann. Von seinem Sohn enttäuscht, hat Terry eine ungewöhnlich enge Bindung zu Jack aufgebaut - die diesem schließlich zum Verhängnis wird.  
Schließlich bleibt noch Katie Lyons zu erwähnen, die als Jacks neue Freundin Michelle - ahnungslos von seiner Vergangenheit und aufrichtig verliebt - zu überzeugen weiß.

Kameramann Rob Hardy, der für seine Arbeit (wie Regisseur Crowley, Cutterin Lucia Zucchetti und Hauptdarsteller Garfield) mit einem TV-Preis der britischen Academy of Film and Television (BAFTA) ausgezeichnet wurde, hat ganze Arbeit geleistet: Obwohl mit HD-Kamera ursprünglich für die Mattscheibe gedreht, kann sich das Ganze auch auf der großen Leinwand sehen lassen. Auffallend sind dabei vor allem die von Hardy eingefangenen Lichtstimmungen - nicht platt und flächig ausgeleuchtet changieren seine Bilder zwischen Licht und Schatten, ohne dabei unnatürlich zu wirken.

Fazit: Sicher nichts für Popcorn-Kino-Fans, aber insgesamt gelungenes, eher stilles Drama mit hervorragenden Darstellern und schöner Optik.




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