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The Book of Eli
The Book of Eli
© Tobis Film

Kritik: The Book of Eli (2010)


Postapokalyptische Filmszenarien sind weder besonders neu, noch bergen die Geschichten in aller Regel eine geradezu überbordende Originalität. Die Menschheit hat sich zumeist selber in eine vorindustrielle, von Anarchie, Chaos und lokalem Despotismus regierte Gesellschaft gebombt oder hatte das Pech durch höhere Gewalt zu dem gemacht zu werden. Seit Mel "Mad Max" Gibson einen bestimmten Charaktertypus prägte, irrt in solchen Streifen ein einsamer und wehrhafter, aber im Herzen guter Stranger durch diese Einöden und gerät ohne größeres Zutun an Bösewichter, denen außer ihm keiner Einhalt gebieten kann. Nachdem nun Gibson, der in den letzten Jahren kaum ein Fettnäpfchen ausließ und jüngst einen TV-Moderator gleich dem rückwärtigen Körperausgang titulierte, endgültig aus dem Rennen ist und im vierten Teil der "Mad-Max"-Endzeitsaga durch ein neues Gesicht ersetzt wird, scheint nun vielleicht mehr Freiraum für Endzeitgeschichten, die mit neuen Motiven aufwarten.

"The Book of Eli" stellt möglicherweise einen solchen Genre-Mix dar, der neben den klassischen Elementen, ganz klar auch mit fantasy- und mysteryhaften, sowie transzendenten Ansätzen operiert und die Geschichte obendrein mit einem Western-feel-alike Flair versieht. An der Kerngeschichte hat sich indes wenig geändert: Die Menschheit konnte wieder mal nicht die Finger vom roten Knopf auf der Kataklysmus-Konsole lassen und hat sich während eines globalen Kriegs nahezu selbst vernichtet. Für die wenigen Überlebenden sind nun Nahrung, aber vor allem unverseuchtes Wasser zu den kostbarsten Dingen avanciert. Der Wert eines Menschenlebens bemisst sich an seinen Habseligkeiten und daran, zu wieviel Nahrung er zu verarbeiten ist. Kannibalismus gehört zum neuen Lifestyle und wer wehrhaft genug ist, nicht im Kochtopf zu landen, darf sich zu allem Übel mit umherstreifenden und marodierenden Motorrad-Gangs auseinandersetzen, welche die exekutive Verlängerung regionaler Tyrannen sind.

Die Story von "The Book of Eli" ist aus unserer Sicht ungefähr 35 Jahre in der Zukunft angesiedelt. Lediglich fünf Jahre in der Zukunft hat aber der Tag der Apokalypse stattgefunden, der das Ende der Zivilisation, wie wir sie kennen, besiegelte. Seit diesem Tag wandelt Eli (Denzel Waschington) über die nahezu entvölkerten Straßen und Ebenen, die ehemals die USA waren. In seinem Gepäck befindet sich ein Buch, das möglicherweise die Menschheit aus dieser Dunkelheit führen könnte. Es ist das letzte seiner Art; die Überlebenden des Krieges machten dieses Buch für das über sie gekommene Unheil verantwortlich und verbrannten alle anderen Exemplare. Dieses eine letzte ist Eli gewillt zu verteidigen, koste es was es wolle. Eine Stimme in seinem Kopf hat ihm das aufgetragen. Er soll das Buch nach Westen, an einen ihm unbekannten Ort bringen. Das ist seine Mission. Per Zufall stolpert er auf seinem Weg über den regionalen Boss Carnegie (Gary Oldman), der über ein verwahrlostes Kaff despotisch herrscht. Und wie es eben der Zufall will, ist Carnegie genau nach diesem Buch auf der Suche. Er ist sich seines Machtpotenzials bewusst und möchte mit ihm als Basis eine neue Gesellschaftsordnung aufbauen, an dessen Spitze er als alleiniger Herrscher stehen wird.

Man muss nicht unbedingt religiös veranlagt sein, um sich von dieser Geschichte gefangen nehmen zu lassen; allerdings ist ein persönliches spirituelles Empfinden dem Sich-Hineinziehen-Lassen auch nicht gerade abträglich. Als Religionskritiker könnte man aber andererseits auch schnell auf die Palme gehen. Ist doch die vermittelte transzendente Sicht nicht nur ausgesprochen simpel, sondern auch geradezu plakativ-einseitig. Allerdings dürfte genau dieser einseitige Heils- und Messiasaspekt gerade bei evangelikalen Kreisen aus Übersee besonders auf fruchtbaren Nährboden fallen. Verlässt man aber diesen ambivalenten Blickwinkel, bleibt im Kern ein knallharter und atmosphärisch dichter Endzeit-Thriller übrig, der mit apokalyptisch-visionärer Optik aufwartet, die höchst ansehnlich mit stilistisch Anleihen à la Sergio Leone kombiniert wurde. Die beiden Kontrahenten liefern sich überdies ein facettenreiches Duell, dass eindeutig über das stereotype Gut gegen Böse hinausgeht. Glücklicherweise wurde bei diesem Endzeitstreifen mal Wert darauf gelegt, dem Helden einen schauspielerisch mindestens ebenbürtigen Widersacher entgegenzustellen.

Fazit: Wer düstere apokalyptische Thriller mag, die mit metaphysischen Motiven aufwarten und über einen kompromisslosen zwingenden Plot verfügen, könnte bei "The Book of Eli" genau richtig sein. Man erlebt mit Abstand den wortkargsten wie härtesten Denzel Washington, der jemals bei Schurken aufräumte und sich gleichzeitig als fürsorglicher Beschützer entpuppt. Und auch der Chef der Bösewichter, Gary Oldman, ist kein simpel gestrickter Fiesling. Er ist nicht von grundauf verdorben; vielmehr ein Mann, der alles was ihm in die Hände fällt, rücksichtslos für seine Vision missbraucht. Er ist das Produkt zweier Welten: einer materialistischen, die untergegangen ist und einer anarchischen, die er zu kontrollieren und beherrschen sucht. Diese Dualität ist es im Wesen, welche den gesamten Film kennzeichnet und die ihm das besondere Etwas verleiht, was Filme mit Kultpotenzial haben sollten.





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