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Inglourious Basterds
Inglourious Basterds
© Universal Pictures Germany

Kritik: Inglourious Basterds (2008)


Tarantino-eskem Theater haftet ein ganz besonderes Flair an. Was immer das etwas schräge Regiewunder anpackt, gerät zu einem außergewöhnlichen Event und nur allzu gerne durchbricht er die Grenzen der Genrekonventionen: kombiniert Entführungsthriller mit Horror, Eastern mit Western und nimmt dabei nie wirklich etwas ernst. In seinen Filmen finden sich aber auch Anleihen vieler Genreklassiker, die niemals für den Schauwert verhackstückelt werden; immer ist die liebevolle Verbeugung vor den Originalen spürbar. Jetzt ist Tarantino in die NS-Zeit eingekehrt und liefert mit "Inglourious Basterds" seine Version bestimmter – historisch nicht belegter – Ereignisse.

Der II. Weltkrieg geht allmählich seinem Ende entgegen, der Endsieg rückt in weite Ferne, aber noch hält Nazi-Deutschland die Welt in Atem. In diesen Tagen schicken sich die "Basterds", ein Haufen amerikanischer Soldaten jüdischer Abstammung, in Frankreich an, den Terror zurück zu den Schergen des "Führers" zu tragen: partisanengleich streifen sie unter dem Kommando von Lt. Aldo Raine (Brad Pitt) durchs Land und ermorden Nazis. Damit die Aktion den besonderen Schreckenscharakter erhält und die Angst in die Reihen des Feindes trägt, skalpieren sie ihre Opfer. "Ich will von jedem von euch 100 Naziskalps haben", trichtert Raine seinen Leuten vor Beginn der Operation ein. Terror verbreitet auch der SS-Oberst Hans Landa (Christopf Waltz). Seine nonchalante kultivierte Art tarnt sein bizarres Innenleben. Er ist nicht der Wolf im Schafspelz, sondern der Skorpion im Nachtigallenkostüm, der, bevor er genüsslich zusticht, noch ein bezauberndes Liedchen trällert. Wie sollte es anders sein, läuft es auf diese Konfrontation hinaus. Alle hochrangigen Nazis, inklusive "Führer", Göring, Göbbels und Co., werden sich zu einer Filmpremiere in einem kleinen Pariser Kino einfinden. Die Ideale Gelegenheit für die "Basterds" das ganze Pack auf einmal zu erwischen, aber Landa hat Wind bekommen, dass etwas im Gange ist.

Wenn ein Film, sein erstes Kapitel mit "Es war einmal in Frankreich…" ankündigt und Tarantino am Ruder sitzt, ist klar in welche Richtung es geht: Es ist die Hommage an einen großen Klassiker des Mafia-Epos: "Es war einmal in America" von Sergio Leone. Und tatsächlich Stimmung, Atmosphäre und Kostüme erinnern an die Vorlage. Allerdings hat Leone auch reichlich Spaghetti-Western gedreht und "Inglourious Basterds" versteht sich auch als das; muss allerdings weitgehend ohne die malerischen Landschaftsaufnahmen im Italo-Western-Look auskommen. Der Hype um diesen sechsten Tarantino-Film erscheint ohnehin überzogen: Im Kern ist es eine furchtbar simple Geschichte, längst nicht so verschachtelt wie "Kill Bill" und ruhig, beinahe bedächtig gefilmt. Es gibt eine ausgeprägte Langsamkeit des Erzählflusses, die es möglich macht, den Schwerpunkt auf intelligente Dialoge zu legen und den Darstellern Raum bietet, sich zu entfalten. Wirklich genutzt hat das nur einer: Der Österreicher Christoph Waltz brilliert an allen Fronten.

An seiner Leistung als Inkarnation des schöngeistigen Todes gibt es kein vorbeikommen und alle anderen fallen neben ihm deutlich ab. Dass Tarantino aber sein Werk nicht ganz ernst meint, zeigt sich besonders in den Figuren der Nazis: Ob Hitler, Göring oder Göbbels, alle sind karikaturenhaft überzeichnet. Die Fratze des Bösen gerät hier zum Comic. Die besondere Spannung aber, mit welcher der Film hierzulande erwartet wird, liegt augenscheinlich daran, dass es sich mal wieder um die deutsche Vergangenheit handelt und erwartungsgemäß jede Menge deutscher Stars mit von der Partie sind: allen voran Diane Kruger und Til Schweiger. Für erstere wurde tatsächlich eine ansehnliche Rolle geschaffen: Mata-Hari-like spielt sie eine deutsche Filmdiva, die für den Widerstand arbeitet. Und beinahe, ja fast, wäre es möglich ihre hölzerne Kunst mit Schauspielerei zu verwechseln. Til Schweiger hingegen darf sein Gesicht ein paar Mal in die Kamera halten (er mimt einen Ex-Nazi, der nun in den Reihen der "Basterds" unterwegs ist) und nebst der Kürze seines Auftrittes, ist es das beste an seiner Figur, dass sie ganze zwei Sätze spricht. Richtig gut wirkt "Inglourious Basterds" ohnehin nur unsynchronisiert. Das außergewöhnliche für eine amerikanische Produktion ist, dass der Film mehrsprachig gedreht wurde: Die Deutschen sprechen richtig Deutsch (kein Kauderwelsch-Simulat), die Franzosen Französisch, die Amerikaner Englisch und – wieder mal – Christoph Waltz parliert alles und obendrein noch Italienisch. Hierzulande wird der Film synchronisiert laufen, was für sich schon ein Sakrileg ist, da ihm damit das wirklich Besondere genommen wird, wer ihn also unsynchronisiert sehen kann, sollte das tun.

Fazit: "Inglourious Basterds" wird das Tarantino-Fanlager spalten. Für die einen wird die Handschrift ihres Gurus kaum mehr erkennbar sein; außer in einigen Augeblicken exzessiv explodierender Gewalt bleibt das Geschehen ruhig. Über zweieinhalb Stunden aber sind eine lange Zeit und müssen erstmal mit Handlung gefüllt werden. Für die anderen könnte es ein Offenbarung werden; der Tarantino, wie er in seiner Frühzeit war, vielleicht vergleichbar mit "Reservoir Dogs". Der aber insgesamt einen viel boshafteren Reiz ausstrahlte, den hier Christoph Waltz überwiegend allein retten darf. Und über den finalen (eigentlich wünschenswerten) Geschichtsrevisionismus sollte gar nicht lange nachgedacht werden. Schließlich ist das Tarantino, und der darf in seinen Filmen alles.




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