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Betty Anne Waters
Betty Anne Waters
© Tobis Film

Kritik: Betty Anne Waters (2010)


Diese wahre Geschichte ruft geradezu nach einer Verfilmung: Der aus einfachen Verhältnissen stammende Kenny Waters wird des Mordes an einer Nachbarin beschuldigt und trotz dürftiger Beweise verurteilt. Nur seine Schwester Betty Anne glaubt weiterhin an seine Unschuld und kämpft 18 Jahre lang um seine Freilassung. Sie studiert sogar Jura und wird Anwältin, damit sie ihn aus dem Gefängnis holen kann. Obwohl ihre Ehe zerbricht und sie fast ihre Kinder verliert, hält sie unbeirrt an ihrem Ziel fest. Betty Anne Waters ist zweifellos eine Heldin des Alltags, eine Frau aus der Unterschicht, die im Kampf um Gerechtigkeit niemals aufgegeben hat.

Regisseur Tony Goldwyn erzählt in seinem Film "Betty Anne Waters" die Geschichte seiner Titelfigur auf drei Ebenen: Ihre Kindheit während der 1960er Jahre, in der sie von der Mutter alleingelassen sich nur auf ihren Bruder Kenny verlassen kann; die frühen Achtziger, in denen der aufbrausende, aber charmante Kenny unter Mordverdacht gerät und verurteilt wird; und schließlich die 1990er Jahre, in denen Betty Anne unverdrossen für ihren Bruder kämpft. Damit wird Tony Goldwyn seinem Anspruch gerecht, nicht ein typisches Gerichtsdrama, sondern eine Geschichte über familiäre Loyalität und Entschlossenheit zu erzählen. Deshalb kommt in diesem Film erstaunlich wenig Kritik an dem Justizsystem auf, sondern an den handelnden Figuren: an der korrupten Polizistin (toll gespielt von Melissa Leo), die Kenny im Gefängnis sehen will, seinen Ex-Freundinnen (Clea Duvall, Juliette Lewis), die ihn mit falschen Aussagen belasten, und an einer ehrgeizigen Staatsanwältin, die auch aufgrund neuer Beweise nicht tätig werden will.

Mit Hilary Swank hat Goldwyn eine ideale Besetzung für die Hauptrolle gefunden. Schon die biografischen Parallelen machen deutlich, dass sich Hilary Swank in das Leben von Betty Anne Waters einfühlen kann. Es ist hinlänglich bekannt, dass auch sie sich aus ärmsten Verhältnissen emporgearbeitet hat – und ihr Erfolg mit zwei Oscars gekrönt wurde. Aber diese Besetzung ist auch sehr berechenbar, zumal die gut spielende Hilary Swank auch keine neuen Facetten zeigt.
Betty Annes Bruder Kenny wird von Sam Rockwell gespielt, der mit "Moon" sein Können eindrucksvoll demonstriert hat. Doch die Inszenierung gibt ihm wenig Raum, die Risse seiner Figur zu offenbaren. Wenn Kenny im Gefängnis einen Wutanfall bekommt, zeigt nicht nur Sam Rockwell sein Talent, sondern gleichermaßen blitzt das Potential des Filmes auf. Vielleicht hätte Goldwyn die Frage nach Kennys Schuld offener thematisieren sollen. Aber erst nach diesem Wutausbruch und der zunehmenden Verzweiflung fühlt sich der Zuschauer mit den Figuren verbunden.

"Betty Anne Waters" ist wahrlich kein schlechter Film, aber der Funke springt nicht so recht über. Tony Goldwyn hat einen handwerklich tadellosen, aber auch sehr glatten Film gedreht und jedes Risiko vermieden. Sogar die Nebenfiguren sind mit Minnie Driver als Betty Annes Freundin Alba und Juliette Lewis als kaputte Ex von Kenny typgerecht besetzt. Dementsprechend läuft die Geschichte ohne Widerhaken voran – und der Zuschauer kann am Ende nur feststellen, wie unterhaltsam ein Drama sein kann.

Fazit: "Betty Anne Waters" ist ein handwerklich ausgereifter Film, der für ein Drama erstaunlich viel Unterhaltung bietet. Mit diesem Film gehen weder Regisseur noch Zuschauer ein Risiko ein - aber die Kinogänger werden ihn nicht lange in Erinnerung behalten.





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