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Ein russischer Sommer
Ein russischer Sommer
© 2009 Warner Bros. Ent.

Kritik: Ein russischer Sommer (2009)


Tolstojaner kennte heute keiner mehr. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren sie jedoch eine leidlich bekannte Variante unter den im Fin de siècle aufkommenden alternativen Lebensgestaltungen. Im Gegensatz zur Pariser Kommune schrieben sich die Tolstojaner keine konkreten politischen Ziele auf die Fahnen – sie lebten in Landkommunen, folgten vagen biblischen Grundsätzen zum Pazifismus, versuchten sich an sexueller Enthaltsamkeit und ernährten sich vegetarisch oder gar vegan. Eigener Besitz war verpönt. Dabei beriefen sie sich auf den adeligen Romancier Lew Tolstoi, der zwar in alten Tagen ein pittoreskes Bauernwams trug und auf einer Pritsche in der Abstellkammer seines eleganten Anwesens Jasnaja Poljana schlief, ansonsten aber ein wenig asketisches Leben führte.

Vor diesem Hintergrund trifft 1910 der äußerst idealistische Walentin Bulgakow (James McAvoy) im Verwaltungssitz der Tolstojaner in Moskau ein. Wladimir Tschertkow (Paul Giamatti), ein enger Freund und Vertrauter Tolstois (Christopher Plummer), prüft ihn ob seiner Tauglichkeit zum Privatsekretär des verehrten Autors. An blauäugigem Enthusiasmus fehlt es nicht, aber wie steht es in Sachen Standhaftigkeit? Nicht nur soll der jungfräuliche Wladimir dem Zölibat treu bleiben, auch will Tschertkow ihn gewissermaßen als Spion im Hause Tolstoi – gegen "die Gräfin", Tolstois Gattin Sofia (Helen Mirren). Auf Jasnaja Poljana angekommen, zerfließt Wladimir zunächst vor Ehrfurcht im Angesicht seines Gurus, muss dann aber feststellen, dass der Greis beileibe kein ständig mit Weisheiten um sich werfender Würdeproppen ist. Und auch die Gräfin scheint tatsächlich menschlich zu sein. In der Waldsiedlung der Tolstojaner wird Wladimirs Enthaltsamkeit schließlich mit der hübschen und intelligenten Kommunardin Mascha (Kerry Condon) der Garaus gemacht. Sein Leben als "guter Tolstojaner" scheitert – oder doch nicht?
Der Film nimmt Wladmirs Perspektive ein, dreht sich aber eigentlich um das alte Paar, Lew (eingedeutscht Leo) und Sofia, nach dem halbfiktiven Buch "Tolstois letztes Jahr" von Jay Parini, das mit Tagebuchaufzeichnungen von Verwandten und Freunden aus verschiedenen Perspektiven vom Ende ihrer Ehe erzählt.

Helen Mirren, immer ein Erlebnis, brilliert als die verpönte "Gräfin" (dass Tolstoi selbst Graf ist, wird von seinen Anhängern geflissentlich übersehen) mit Hang zur Hysterie. Auf ihre alten Tage muss sie mit dem perfiden Tschertkow um das Vertrauen ihres Mannes kämpfen – er will die Rechte an seinen sämtlichen Werke für "das russische Volk", sie für die Sicherheit ihrer Familie. Eigentlich geht es ihr aber um den Vertrauensbruch Tolstois, der sein Testament hinter ihrem Rücken ändert. Sie, die einst die ersten sechs Reinschriften des Manuskripts von "Krieg und Frieden" von Hand niederschrieb, wird nach fast fünfzig Jahren und dreizehn Kindern mit dem verschrobenen Dichter – der auch anderen Frauen nicht abgeneigt war – einfach beiseite geschoben. Dass zwischen den beiden einst eine tiefe Liebe bestand, scheint dennoch durch. Doch kann Leo, der sich eigentlich nach Ruhe und Frieden sehnt, Sofias Hang zu abrupten Launen und dramatischen Ausbrüchen nicht länger ertragen.
Ihn wollte Christopher Plummer eigentlich so "einfach wie möglich" spielen. Herausgekommen ist eine Art fröhliche Nikolausfigur – nicht unsympathisch, aber auch nicht charismatisch. Für Szenen mit der ungleich besseren Mirren, die mühelos von leiser Zärtlichkeit zu verzweifelten Ausbrüchen hochfährt, reicht es allemal. Mit einer Ausnahme, die nicht hätte sein müssen: Als Leo eines Tages doch wieder das Bett seiner Sofia aufsucht, gebärden sich die beiden als Hahn und Henne. Mit Gackern und so…
McAvoy, der parallel eine Art späte Coming-of-Age Geschichte durchläuft, macht ebenfalls Spass. Sein anfänglich hochgradiger Enthusiasmus wirkt nicht eine Sekunde lang aufgesetzt, was angesichts des leicht ironischen Spiels von Plummer und Giamatti besonders auffällt. Letzterer gibt dafür allerdings, als Schnurbart zwirbelnder Schurke, die Karikatur des verbissenen Intriganten ab. Wirklicher Idealismus ist nicht zu erkennen.

Was dem charmanten Historientableau durchweg fehlt, ist die Bedeutung Tolstois. Seine Rolle als moralischer Felsen in von den vorrevolutionären Ausbrüchen geprägten letzten Jahren des Zarenreichs wird nicht angesprochen, ebenso wenig wie sein Werk selbst. Wie problematisch diese Auslassung ist, zeigt sich vor allem beim episch-elegischen letzte Akt im Bahnwärterhäuschen – was Tolstoi und Romane wie „Anna Karenina“ und „Krieg und Frieden“ für den Durchschnittsrussen jenseits der Kommune ausmachen, bleibt offen. Der plötzliche Ausbruch von Massentrauer wirkt daher leicht befremdlich. Immerhin macht der Schluss einmal mehr die Bühne für Mirren frei, die noch einmal richtig zeigt, was sie kann.




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