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Kritik: Jahre der Zärtlichkeit - Die Geschichte geht weiter (1996)


Neverending Story: Jünger, hübscher, begehrenswerter... war Shirley MacLaine 1984, als sie für ihre Darstellung der Aurora Greenway in "Zeit der Zärtlichkeit" nach fünf vergeblichen Oscaranläufen endlich die begehrte Trophäe in den Händen hielt. 13 Jahre, 27 Falten und 963 graue Haare später schlüpft sie wieder in die Rolle der aufopferungsvollen Großmutter, die nach dem Tod ihrer Tochter drei mehr oder weniger große Problemkinder aufzuziehen hatte. Und die Geschichte geht weiter: Rund um die Figur der Aurora, die in den Achtzigern ein Millionenpublikum zu Tränen rührte, richtete Drehbuchautor und Regisseur Robert Harling Mitte der Neunziger nun einen neuen, hindernisreichen Testparkur aus, auf dem sich die reife Frau von heute zu bewähren hat. Die Schwierigkeiten und Hindernisse sind wahrlich nicht einfach zu überwinden. Ein Mehr an "Schönheitslinien" im Gesicht bedeutet natürlich auch ein Mehr an "Altersvertuschungsmaßnahmen". Und obwohl Aurora also nicht mehr die jüngste ist, nimmt ihre Umgebung nicht im geringsten Rücksicht: Ein Enkel sitzt im Knast, ein widerspenstiger, uneinsichtiger Teenager wird flügge, der uneheliche Urenkel stört traditionelle Familienessen, ein mutterkomplexbeladener Psychiater sucht Komplexfutter, und die haßgeliebte Freundin macht sich an Auroras harterkämpfte Eroberungen heran. Es gibt halt kein Problem, das es nicht gibt.
"Jahre der Zärtlichkeit" wirkt über weite Strecken wie der Versuch, innerhalb von 127 Filmminuten die Elixire eines ganzen Lebens zu verschleudern. Hinter jeder Ecke, sprich minütlich lauert eine neue Herausforderung, ein weiterer Rückschlag, ein kurzzeitiger Etappensieg auf die Frau in den besten Jahren. Doch die Hürden auf dem Bewährungsparkur sind leider zu eng gesetzt, die Geschichte kommt schon nach wenigen Schritten aus dem Rhythmus und stolpert weiter bis ans melodramatische Ende. Apropos Ende: Schon eine gute halbe Stunde vor Schluß bombardiert uns "Jahre der Zärtlichkeit" mit einem Reigen an filmischen Auflösungen. Zum Beispiel mit einer Cabriofahrt am Meeresstrand, bei der die Asche eines geliebten Verstorbenen in die Lüfte gestreut wird und sich die Kamera bis zur Supertotalen entfernt. Es juckt einem in den Fingern, seine Jacke zu greifen und auf die Öffnung der Ausgangstüren zu warten. Doch die Saalbeleuchtung geht nicht an, denn die Geschichte geht weiter. Das Ende von "Jahre der Zärtlichkeit" ist endlos, die mehr oder weniger pathetischen Abschlüsse hätten wahrscheinlich für ein weiteres Dutzend von Hollywood-Dramen gereicht. Es wird am laufenden Band gekränkelt, gestorben und gelitten, und der letzte Funke ernsthafter Anteilnahme geht in einem allzu bewußt provozierten Tränenmeer verloren.
Auch ein grandioses Schauspielerensemble kann an der Leidensgeschichte des Films nicht mehr viel ändern. Sowohl die herzhaft kratzbürstige Juliette Lewis, die wundervoll intrigante Miranda Richardson und der schüchtern jungenhafte Bill Paxton als auch der einen Kurzauftritt beisteuernde Jack Nicholson können der triefenden Tränenflut nicht entkommen. Und Shirley MacLaine sollte sich wirklich fragen, ob das bestimmt auch finanziell motivierte Comeback als Aurora Greenway ihrer Karriere wirklich dienlich ist. Denn nach diesem Rührstück ist sie mit ihrer uneigennützigen Selbstlosigkeit endgültig in die Schublade "M" verbannt: "M" wie Mutter Theresa der Nation und Melodramen-Oma für Millionen.




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