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Kritik: Kleine Sünden unter Brüdern (1995)


Die ersten Impressionen, die sich dem Betrachter von "Kleine Sünden unter Brüdern" aufdrängen, lassen die Geschichte äußerst real wirken. Hier geht es nicht um die bekannten Strickmuster aus Hollywood - das reale Leben spielt hier die Hauptrolle. Ein kleiner engagierter Film der hinaufschaut zu den himmlischen Sphären multimillionenschwerer Hollywoodproduktionen.
Genauso interessant wie der Film selbst ist auch seine Entstehungsgeschichte. Edward Burns, Produktionsassistent der US-Show "Entertainment Tonight", produzierte sein Erstlingswerk über einen Zeitraum von 8 Monaten während seiner Freizeit und mit einem minimalen Budjet. Sein Vater, ehemaliger NYPD-Polizist, lieh ihm einen Großteil der mit $20.000 Dollar als wohl äußerst "günstig" zu bezeichnenden Produktion.
Wen wundert es, daß es beim Drehen zu Verzögerungen kam? Die unbezahlte
Crew und Besetzung blieben dem Dreh fern, um externen Verbindlichkeiten
nachzugehen, Burns mußte kurzfristig am Blindarm operiert werden und verzögerte daher den Dreh um weitere 2 Monate und nicht zuletzt hatte man dauernd mit finanziellen Engpässen zu kämpfen.
Nichtsdestotrotz wurde der Film gerade rechtzeitig zum alljährlichen
Sundance-Festival fertiggestellt und gewann erstaunlicherweise den
"Grand Jury"-Preis 1995.
Alles in "Kleine Sünden unter Brüdern" dreht sich um drei Brüder, die,
nachdem ihr ständig alkoholisierter Vater gestorben und ihre Mutter spontan den Entschluß faßt, zurück nach Irland in die Arme ihrer Jugendliebe zu laufen, sich an dem Ort ihrer Jugend - einem Haus auf Long Island - wiederfinden.

Im Geiste eines Spike Lee's schrieb Burns nicht nur seine Geschichte, sondern dachte sich auch selbst eine Rolle zu. Er spielt den coolen Barry, dessen einzige Angst die vor allzu festen Beziehungen zu sein scheint. Er fürchtet sich vor jegliche Art von ehelichen Pflichten - das schlechte Beispiel der Ehe seiner Mutter ständig vor Augen.
Er teilt sich den Großteil seiner Zeit auf der Leinwand mit zwei "frischen" Gesichtern - Mike McGlone als der jüngere Bruder, der von seinem extremen Glauben in seinem Denken und Handeln nahezu paralisiert ist und Jack Mulcahy als Jack, dem älteren Bruder der sich von seinem geradlinigen, idyllischen Leben und einer "zu" perfekten Ehe gefangen fühlt.
Das Tempo, die Dialoge und die Schauspieler bilden ein solides Fundament für den Film; können aber nicht die Herkunft desgleichen verbergen.
Der Film beeinhaltet eine Vielzahl denkwürdiger Momente, und eine
der schönsten Szenen ist ein interessanter Dialog zwischen Patrick
und Leslie (Jostyn). Nachdem Patrick Leslie zu ihrer Meinung über
Liebe, Familie, Glaube und Ehe fragt, versucht diese ihm die
Zweischneidigkeit des Lebens einer katholische Frau zu verdeutlichen. Sie darf keinen Sex haben, da dies gegen die Regeln ihrer Religion verstößt; hat sie entgegen den Prinzipien dennoch Sex, so darf sie keine Verhütungsmittel benutzen, da dies die Sünde noch vergrößern würde; Ohne Verhütungsmittel aber würde sie höchstwahrscheinlich schwanger werden, was wiederum implizieren würde, daß sie nicht abtreiben dürfen bzw. wollen würde... Sie beschließt deshalb, nicht mehr der katholischen Kirche anzugehören und wird kurzerhand, sozusagen als Ausgleich, Vegetarierin.
Leider ist der Film ein wenig inkonsistent in seinem Handlungsstrang und zeitweilig erscheint er (auch wenn es einer ist) wie ein für einen Hungerlohn produzierter Streifen...
Wahrscheinlich kann man es auf die Unerfahrenheit des Produzenten schieben, aber Burns hätte uns, den Zuschauern, ruhig ein wenig mehr Vertrauen entgegen bringen können. Die sichere Hand eines guten Regisseurs hätte die Kamera einfach laufen oder eine Szene zu ihrem natürlichen Ende kommen lassen. Burns dagegen läßt seine Charaktere das Offensichtliche wieder und wieder erklären, so daß auch nicht der geringste Zweifel an der Handlung beim Betrachter aufkommen könnte. Der Betrachter ist sehr wohl in der Lage, eins und eins zusammenzuzählen und nicht zuletzt erhöht eine Prise Mysterium hier und da den Unterhaltungswert enorm.
Wie dem auch sei: Einem Erstlingswerk kann man viel guten Willen
entgegenbringen und (fast) alle Ungereimtheiten verzeihen. In Burns steckt ein großes Potential - es bleibt zu hoffen, daß - genügend Zeit und finanzieller Rückhalt vorausgesetzt - dieses in seinem nächsten Werk ausgeschöpft wird.





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