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Kritik: Der Unhold (1996)


Volker Schlöndorff ist wieder da: Nachdem der deutsche Regisseur und Oscar-Preisträger dem wirtschaftlichen Wiederaufbau der Babelsberger Filmstudios viel Zeit geopfert hat, rührt man jetzt kräftig die Werbe- und Blechtrommel für seinen Unhold. Tatsächlich gibt es einige Schnittstellen zwischen Schlöndorffs größtem Erfolg und dem Neuling: "Der Unhold" spielt genau wie der filmische Ausschnitt der Grasschen Blechtrommel bis zum Ende des 2. Weltkriegs in Masuren.

Während sich der zwergenwüchsige Trommler Oskar Matzerath dann allerdings von Ostpreußen ins Rheinland entwickelte, geht "Der Unhold" Abel Tiffauges den umgekehrten Weg. Aus Paris verschlägt es den Sonderling in ein bizarres Deutschordensritter-Land mit märchenhaften, surrealen und wahnsinnigen Zügen.

Nach Michel Tourniers 1970 veröffentlichten und mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman "Der Erlkönig" realisierte Schlöndorff seinen Film, der als ehrgeizigster seit "Die Blechtrommel" verkauft wird. Ein großer Anspruch mit erschreckend magerem Ergebnis. Es kann die Hauptfigur wohl wie im Schelmenroman naiv staunend durch die Geschichte irren. Wenn sich aber Regisseur und Film dieser Indifferenz anschließen, die Personen schwammig und ihre Positionen unklar bleiben, wird es ärgerlich - besonders bei diesem Themenkreis.

So bleibt "Der Unhold" ein satirisches Dämonium der Naziwelt mit einigen, nur groß gedachten Momenten. Die Treibhatz der faschistischen Elite Europas ist ein widerliches Gemetzel, die Strecke dann ästhetisch aufgebahrt. Ein bildlicher Eindruck, der bei Fackelfeiern und Jungenaufmarsch Behauptung bleibt. Der Wechsel von Schwarz-Weiß- zu Farbenszenen ist unergründlich. Einige Figuren und Motive ziehen sich verbindend durch den ganzen Roman, verzeihung: Film. Aus dem dicken Sohn des Hausmeisters wird der Möchtegern-Statthalter Hitlers, Reichs-Jägermeister Göring. Aus den Reitspielen mit geschulterten Freunden werden Ertüchtigungen für die faschistische Jugend und ein biblisches Motiv. Das Schauspiel ist in Ordnung: Seit "Tod eines Handlungsreisenden" kennt Schlöndorff den eindrucksvollen John Malkovitch. Wer ihn in "Von Mäusen und Menschen" gesehen hat, würde ihn sofort für den Unhold besetzen. Auffällig auch der junge Heino Ferch als Obersturmbannführer Raufeisen. Marianne Sägebrecht verdiente vom Umfang ihrer Rolle her gar keine Erwähnung. Sie lächelt mit spitzem Mund oder schaut besorgt drein. Ein weiterer "international bekannter Deutscher", Armin Müller-Stahl, machte den Armin Müller-Stahl: Sein Graf von Kaltenborn sorgt sich mit spitzem Mund und lächelt nie.

Bleibt die Frage, was Schlönfdorff kann oder wovon er die Finger lassen sollte: Die Massenszenen in "Die Geschichte der Dienerin" waren auch schon nicht besonders dämonisch. Aber selbst die kammerspielartigen, engen Szenen wirken nicht. In der Haltung der Hauptfigur Abel gibt es viele Ähnlichkeiten zum Blechtrommler Oskar Matzerath, im Schauplatz Jungenschule zu Schlöndorffs erstem Film "Törless". Die deutsch-französische Geschichte mußte einem Volker Schlöndorff liegen, der auf ein französisches Jugendinternat ging, mit Louis Malle drehte und für "Törless" wie auch für "Die Blechtrommel" in Cannes ausgezeichnet wurde. Doch weder bei Figuren noch bei Inszenierung erreicht Schlöndorff Qualitäten früherer Filme. Aber vielleicht hat er in Venedig einige Freunde und offene Rechnungen. Dann könnte "Der Unhold" dort noch hochgejubelt werden.




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