VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Mars Attacks! (1997)


Spielzeugland ganz groß: "MARS ATTACKS!"

Ak, ak, ak, ... sie kommen. Wer? Nun ja, die Marsmenschen. Das bisher unentdeckte Völkchen unseres sagenumwobenen Nachbarplaneten gibt sich nach jahrhundertelangem Versteckspiel endlich zu erkennen und kommt in anscheinend friedlicher Mission zu Besuch auf unsere Erde. Wir, und vor allem die Amerikaner, sind natürlich freundliche Gastgeber und rollen unseren außerirdischen Freunden vor einem Massenempfangskommitee den roten Teppich aus, selbstverständlich mit den kleinen, aber notwendigen Sicherheitsvorkehrungen, denn das Militär benötigt ja auch ein wenig Beschäftigung. Doch wie sehr das Aufsteigen einer Friedenstaube in einen wolkenlosen Himmel friedliche Absichten zugrunde richten kann, davon handelt "Mars Attacks", das neue, gigantische Leinwand-Phantasiekonstrukt von Regie-Traumatiker Tim Burton ("Batman").
Ak, ak, ak, ... sie mischen die Welt auf. Das Inferno, das diese hochentwickelte Spezies auf unserem Planeten entfacht, ist für Tim Burton die seinen Phantasien endlich gleichzeitig in einem Film austoben kann. Der Regisseur ist begabt mit einem außerordentlichen Gespür für Schauspielführung, mit dem er seine Akteure schon immer zu den skurrilsten Darstellungen trieb. Nicht zuletzt war es "Ed Wood" (1995), der ein Mitglied seines Schauspielerensembles zu Oscar-Ehren führte. So erhielt Martin Landau 1995 endlich eine goldene Trophäe als "best actor in a supporting role". Nicht zu vergessen sei Johnny Depp, den Tim Burton mit "Edward mit den Scherenhänden" in Hollywood hoffähig machte, und den er in Gestalt des schlechtesten Filmemachers aller Zeiten (ebenfalls "Ed Wood") als vielseitigen Charakterkopf eindrucksvoll ins Rampenlicht stellte. Doch Tim Burton ist darüberhinaus ein begeisterter Anhänger der Animationskunst. Mit seinem Stop-Motion-Puppenspektakel "Nightmare before Christmas" schuf das Wunderkind ein preisüberhäuftes Meisterwerk, an dem sich zukünftige Kinomärchen messen lassen müssen.
Ak, ak, ak, ... lange Rede, kurzer Sinn: "Mars Attacks" ist die umwerfende Synthese aus all jenen Begabungen, Interessen und Träumereien von Tim Burton. In der rücksichtslosen Invasionsparodie tummeln sich zur gleichen Zeit großartige Schauspieler (Jack Nicholson in einer Doppelrolle!) und artgerecht hergestellte Special-Effects-Auswüchse menschlicher Alienphantasien. "Welcome to a world of plastic" - Tim Burtons Marsianer sind geklonte Barbiepuppen mit offenliegendem Hyperhirn, die sich mit Plastik-Pumpguns á la Ninja Turtles rücksichtslos und hinterhältig durch unsere ach doch so heile Welt schlagen. Ihr öffentlichkeitswirksamer Gang ist langsam, schleichend und leise. Der Auftritt eines Marsmädchens mit verhängnisvollen Reizen ist einer der bizarrsten Augenblicke inmitten eines grandios ausgestatteten Pomp- und Perfektionsgewitters. Ufos und fliegende Untertassen, Weltraumkapseln und Weltenkriegsschauplätze, Zukunftstechniken und züchtig-amerikanische Dächer über dem Kopf sind durchdrungen von einer Liebe zum übertriebenen Detail. Riesenhandys und wissenschaftliche Instrumente wirken wie Mutanten aus den verschiedensten Zeitepochen, aus denen sie jeweils ihre geschmacklosesten Gene mitbekommen haben.
Ak, ak, ak, ... über Geschmack läßt sich bekanntlich streiten. Tim Burton betonte in Interviews immer wieder, daß sich sein Invasionsbeitrag in ehrheblichem Maße an den B-Pictures der 50er Jahre orientiert, die ja unangefochten über Kategorien wie "süß und sauer" oder "gut und schlecht" schweben. Doch für ein B-Picture ist "Mars Attacks" leider zu perfekt, der zweite Buchstabe des Alphabets steht hier mehr für bombig und bombastisch als für zweitklassig und hoffnungslos zuwider. Die Akteure sind aus Hollywoods erster Liga, die Effekte täuschend echt, die Panavision-Panoramatotalen beeindruckend monumental und die Seitenhiebe auf amerikanische Institutionen zu offensichtlich, als daß sie eine rosa Himbeere verdient hätten. So hinterläßt der Film einen leicht zwiespältigen Eindruck, doch lohnt sich ein Kinobesuch allemal, um sich zumindest das "Akalphabet" entschlüsseln und übersetzen zu lassen.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.