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Kritik: Ridicule (1997)


In Ridicule geht es um ein Spiel - ein Spiel um Macht, Einfluß, Prestige, das mit den Mitteln des Wortwitzes und der Schlagfertigkeit ausgetragen wird. Schauplatz ist der Hof von Versailles im Jahr 1780, wenige Jahre vor der Revolution. Dargestellt wird eine abgeschlossene höfische Welt, die sich
selbst überlebt hat und in ihren letzten perversen Zügen liegt. Kameramann Thierry Arbogast, der unter anderem mit Luc Besson in Nikita und in Leon, der Profi zusammengearbeitet
hat, zeigt parkähnliche Gärten und Innenräume von überbordender Pracht. Oft sind die Räume nur durch den goldenen Schein von Kerzen erhellt, oder das Licht der tiefstehenden Sonne zeichnet Lichtbahnen in die Gemächer. Es ist der staubige Hauch der Dekadenz, der den Prunk des Hofes umweht.

In diese isolierte Welt des edlen Verfalls dringt nun der junge Ponceludon de Malavoy ein, gespielt von Charles Berling, der diese Figur mit zurückhaltender Mimik, und dadurch besonders glaubwürdig,
verkörpert. Ponceludon repräsentiert als Abkömmling eines verarmten Landadels eher die Landbevölkerung, das einfache Volk. Er sorgt sich um seine Bauern, die vom Sumpffieber dahingerafft
werden, leidet mit deren Kindern, die sich schon in jungen Jahren den Tod holen. Seine Gefühle, seine Anteilnahme am Schicksal anderer Menschen machen ihn angreifbar im artifiziellen, grausamen
Spiel des Hofes. Sie ermöglichen aber auch, daß zwischen ihm und Mathilde de Bellegarde, gespielt von Judith Godreche, echte Liebe entsteht.

Dennoch fühlt sich Ponceludon zum Hof hingezogen, und zu der schönen und einflußreichen Madame de Blayac, äußerst sinnlich verkörpert von Fanny Ardant. Von ihr erwartet sich Ponceludon nicht nur körperliche Genüsse, sondern auch die Nähe zum König, dem er das Projekt zur Trockenlegung
seiner Sumpfgebiete ans Herz legen will. Ponceludon paßt sich zunehmend an die höfische Umgebung an, läßt sich von Madame de Blayac Kleider kaufen, die ihn auch optisch in die Umgebung Versailles einfügen. Schließlich scheitert er jedoch am Intrigenspiel der Höflinge, die einen Emporkömmling
wie ihn nicht tolerieren können.

Hier aber zeigt sich, in welcher Hinsicht Ponceludon dem höfischen Adel überlegen ist. Die Adligen, sind sie einmal gestürzt, fallen winselnd auf die Knie, werden entsetzt und mit schmerzverzerrtem
Gesicht von jener Gesellschaft verlassen, die für sie so überlebensnotwendig ist. Ponceludon aber, als Repräsentant des einfachen Volkes, bewahrt gerade im Moment des größten Falls die Fassung. Und hier ist der Film politisch: Ponceludon wird nicht von der adligen Gesellschaft verlassen, er verläßt
sie selbst, um unabhängig zu werden.

So endet der Film auch nach der Revolution. Der Marquis de Bellegarde, der Ponceludon am Hofe aufgenommen hatte und ihm ein väterlicher Berater war, befindet sich im Exil in England und geht mit einem Einheimischen an der Küste spazieren. Die Zeiten, als am Hof die Schlachten des "bel esprit", des Wortwitzes, ausgetragen wurden, sind nur noch Erinnerung. Gespielt wird der Marquis de Bellegarde von einem der beeindruckendsten gegenwärtigen Schauspieler Frankreichs: Jean Rochefort. Ohne Worte läßt sich sein Gesicht lesen, sein Spiel ist geprägt von Wärme und Lebendigkeit. Mit Regisseur Patrice Leconte arbeitete er schon in Ein unzertrennliches Gespann, Der Mann der Friseuse, Tango Mortale und Les grands ducs zusammen.

Hans Magnus Enzensberger hat die Dialoge des Films ins Deutsche übersetzt. Gut so. Denn wo wäre das scharfzüngige Spiel des "bel esprit" besser aufgehoben als in den Händen eines scharfzüngigen Dichters.




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