VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Shine - Der Weg ins Licht
Shine - Der Weg ins Licht
© Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Kritik: Shine - Der Weg ins Licht (1996)


Alles Gute kommt normalerweise von oben, aber in diesem Fall - und vermehrt in den letzten Jahren - von unten, von "down under", aus Australien. Wir werden Sprichwörter umformulieren müssen, denn der fünfte Kontinent hat sich zu einem wahren filmischen Überraschungsei gemausert. Viel Spaß, viel Spannung und rundherum zum Anbeißen eingepackt. Die gnadenlose Verspieltheit von "Strictly Ballroom" und "Priscilla", die liebenswerte Traumwelt von "Muriels Hochzeit" sind immer gepaart mit scharfsinnigen Beobachtungen und unaufgesetzten Zwischentönen, an deren Kontaktstellen
Reibung entsteht. Und Reibung bedeutet Wärme, ein Zustand, der auch das jüngste australische Werk des Regisseurs Scott Hicks von vorn bis hinten durchströmt.
"Shine" ist die Geschichte über ein musikalisches Wunderkind, das jedoch Opfer und Gefangener seiner eigenen Begabung wird. Die an der wahren Lebensgeschichte des Pianisten David Helfgott orientierte Handlung schildert auf ungewöhnliche und einfühlsame Weise den gefährlichen Zwiespalt zwischen väterlichem Ehrgeiz und kindlicher Begeisterung, zwischen musikalischem Talent und geistigem Wahn. Der persönliche Fall in den Zwiespalt, der Weg aus krankhafter Besessenheit in ein zwar "anormales", aber dennoch akzeptiertes Leben markiert in "Shine" aber nur den erzählerischen Rahmen. Der Film lebt von seinen kraftvollen Augenblickaufnahmen, dem kompromißlosen Einlassen auf emotionale Achterbahnfahrten, ohne je auf die Schiene kalkulierter Gefühlsduselei abzugleiten. Figuren und Konflikte sind ungeschminkt, nicht durch eine Maske in rosarote Sphären oder pechschwarzen Untergrund ausgependelt. Klavier und Klassik sind heute eigentlich nicht mehr die Zutaten für ein erfolgversprechendes Massenprodukt. Erstaunlich genug, daß sich ein werbekräftiger Verleih wie Buena Vista an dieses filmisch-musikalische Glanzstück, aber kommerzielle Wagnis herantraute. Doch wer den Film gesehen, miterlebt, mitgehört hat, wird sich keine Gedanken mehr machen, ob Klassik normalerweisenur noch als Abklatsch, von Boxerhandschuhen umrahmt, aus den Stereo-Lautsprechern der Eltern geduldet wird. Denn auch der e-musikalisch unbleckte Zuschauer wird sich der Magie und Anziehungskraft eines Rachmaninoffschen 3. Klavierkonzerts nicht entziehen können, vor allem wenn sie mit den außergewöhnlichen Bildern einer exzentrisch in die Welt von Notenschlüsseln und Pianotasten versunkenen Hauptfigur kombiniert sind. Musik spielt man nicht mit den Händen, hört man nicht mit den Ohren, sondern sie hat ihren Ursprung in Phantasien und Träumen der Menschen. Genau dieser leblos und altklug scheinenden Theorie haucht "Shine" den am eigenen Leib spürbaren Atem ein. Eigentlich eine abgedroschene Kritikergewohnheit, oft eine Verlegenheitsfloskel, sich an der schauspielerischen Leistung der Darsteller zu ergötzen oder gehässig auszulassen. Doch an einem grandiosen und faszinierenden Akteur aus reiner Eitelkeit ohne Wimpernzucken vorüberzueilen, wäre nicht nur unaufmerksam, sondern schlicht und einfach ungerecht. Geoffrey Rush als kindlich-verrückter David Helfgott verleiht einem durch Zwangsjacken und Irrenanstalten geprägten Klischee eine konsequente Absage. Nicht der Irre selbst ist pervers, sondern die Umwelt, in der er lebt und von der er nicht toleriert wird - Praunheimsche Weisheiten gelten für alle Minderheiten, für jeden "Unnormalen". Wer das Glück hat Geoffrey Rush unsynchronisiert zu lauschen, wird einen Akteur bewundern können, der durch Mimik und Gestik und vor allem mit Hilfe seiner verbalen Fähigkeiten einen armen Irren zum liebenswerten Zeitgenossen werden läßt. Sein Gang ist unbeherrscht, unkoordiniert, ungezwungen, und genauso tritt er seinen Mitmenschen gegenüber. Der als Pantomime ausgebildete Bühnendarsteller gibt seine Figur nicht dem Mitleid preis, sondern erweckt im Zuschauer den Wunsch nach Spontaneität und Freiheit, die anscheinend leider nur noch "Verrückten" auf solch unverblühmte Weise vorbehalten sind.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.