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Face/Off - Im Körper des Feindes
Face/Off - Im Körper des Feindes
© Buena Vista

Kritik: Face/Off - Im Körper des Feindes (1997)


Und es gibt doch noch so etwas wie Gerechtigkeit: Hongkongs Kultregisseur John Woo, seit sechs Jahren freiwillig im Haifischbecken Hollywoods, ist zurück auf dem Gipfel seines Könnens. Nach zwei nur teilweise befriedigenden US-Produktionen (Hard Target, Brocken Arrow) liefert Woo mit ”Face/Off” (deutscher Titel: Im Körper des Feindes) ein Werk ab, das es mit seinen besten asiatischen Produktionen aufnehmen kann. Mehr noch, sein jüngster Film kommt über den Zuschauer wie eine Genugtuung und eine Entschädigung für den ganzen halbgaren Plunder, den er in den letzten zwei Jahren über sich ergehen lassen musste. Hand auf´s Herz: Wir haben es doch immer gewußt, daß es im großen Bereich des Krach!Bumm!!Schepper!!!-Kinos à la Batmann/Twister/Independence Day etwas geben muß, daß nicht nur Augen, Ohren und Bauch bedient, sondern auch unser Hirn mehr als nur ein klein wenig in Anspruch nimmt.

Worum geht´s?
FBI-Agent Sean Archer (Nicolas Cage) lebt nur noch für die Jagd nach dem Super-Terroristen Castor Troy (John Travolta), der vor Jahr und Tag Archers kleinen Sohn tötete. Nach einer wilden Verfolgung kann der Agent den Terroristen stellen, der jedoch in den Strahl einer Düsenturbine gerät und ins Koma fällt. Ein Sieg, der sich als Niederlage herausstellt, hat doch Troy eine biologische Zeitbombe versteckt, die die gesamte Stadt zu Verseuchen droht. Wo sich diese Bombe befindet, weiß nur Troys Bruder Pollux, der in einem Hochsicherheitsknast sitzt und nicht reden will. Um an diese lebenswichtige Information zu kommen, läßt sich Archer auf eine spektakuläre Operation ein, in der ihm das Gesicht des Terroristen transplantiert wird. Mit dem Körper seines Feindes kommt er in das Hightech-Gefängnis, um Pollux den Bombenstandort zu entlocken. Das gelingt. Doch mittlerweile ist Castor aus dem Koma erwacht und dreht den Spieß um: Er läßt sich seinerseits das Gesicht Travoltas aufoperieren und nimmt dessen Rolle ein.
Zugegeben klingt diese Story reichlich spekulativ. Und tatsächlich ist sie auch der einzige Schwachpunkt des Films. Aber gerade hier zeigt sich die große Meisterschaft von Regisseur John Woo, der trotz dieses Mankos förmlich über sich hinauswächst, alle Register zieht und mit Face/Off nahtlos an die besten Filme seiner Hongkong-Ära anschließt. Woo gelingt dieses Kunststück, indem er die Story des Films trotz besseren Wissens ernst nimmt. Er entfaltet die volle Kraft seiner filmischen Eleganz, seiner cineastischen Choreografien der Symbolik und der Gewalt. Und dort, wo es nötig ist, auch seines sarkastischen Humors. Woo ist zweifelsohne einer der ganz wenigen zeitgenössische Regisseur mit interdisziplinären Fähigkeiten. Nicht bloß ein Meister des Action- und TechNoir-Genres, erweißt er sich als ein Schauspieler-Regisseur der Güte eines Kenneth Branagh, wenn nicht gar eines Gründgens. Cage - und insbesondere Travolta - wachsen über sich hinaus. Es ist eine pure Lust, den beiden beim Rollenspiel zuzusehen, wie jeder den anderen gibt, ohne eine simple Travestie abzuliefern. Dabei hat Travolta natürlich die besseren Karten, macht es doch gewiß mehr Spaß, Cage (und damit den Bösen) zu spielen, als es umgekehrt Cage mit Travolta tun darf. Unter Woos Regie zeigt Travolta, was in ihm steckt; in ”Face/Off” liefert der Scientology-Anhänger die wohl beste Leistung seiner Karriere. Auch der Rest der Cast, allen voran die mehrfach oscarnominierte Joan Allen als Archer/Travoltas Frau, rundet die großartige Ensembleleistung ab.

Doch damit ist nur zum Teil erklärt, was die Größe von ”Face/Off” ausmacht. Die Fähigkeit Woos, unterschiedlichste Stimmungen gegeneinander zu montieren, macht mindestens ebenso den Reiz des Films aus. So startet der Filmemacher mit einem weichgezeichneten Slowmotion-Trip in die Vergangenheit, in dem der Mord an Achers Sohn gezeigt wird. Nach dieser sentimentalen Ouvertüre folgen zwanzig spannende, ebenso atemberaubende wie ultra-brutale Minuten, gewürzt mit jeder Menge Stunts, Special Effects und einer Portion Zynismus. Dabei darf Woo sich nach Herzenslust zitieren, ohne sich zu kopieren. Die weißen Tauben in der Kirche läßt der praktizierende Katholik wieder flattern; seine Reigen der sich gegenseitig bedrohenden Pistolen sind diesmal noch ausgeklügelter.
”Face/Off” ist Gerechtigkeit - der Befreiungsschlag eines der größten Filmkünstler unserer Tage. Endlich kann Woo Filme machen, so wie er es will, ohne sich selbst zu beschneiden, ohne Hollywoodzensur . Daß diesmal die Madonna in der Kirche nicht zerschossen wird, ist da kein Gegenbeweis, höchstens Variation.





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