VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Kleine Schwester (1995)


Martijn kommt zurück ins heimatliche Amsterdam. Mit seiner Kamera verfolgt er jeden Schritt der erst überraschten, dann flüchtenden Schwester Daantje (Kim van Kooten). Ihr Empfang ist nicht gerade freundlich, doch schnell erweist sich die konstante Beobachtung durch Martijns Kamera als nervig. Er bleibt kein reiner Beobachter, greift intrigant ein und lenkt den Ablauf von Daantjes persönlichen Beziehungen. Die Eifersucht gegenüber ihrem Freund Ramon (Roeland Fernhout) liefert den ersten Anlaß. Der verratene Verrat des Tagebuchs erweist sich allerdings als Täuschung und stellt nur den Petzer Martijn bloß. Doch der penetrante Mann mit der Kamera hat letztendlich Erfolg. Hinter dem gemeinen Spiel und in den Super-8-Filmen, die Martijn mitbrachte, steckt ein gemeinsames Geheimnis aus der Kinderzeit. Was passierte an Daantjes neuntem Geburtstag? Daantje entzieht sich bis zum Schluß der Konfrontationen mit den alten Bildern. Aber Martijn beharrt: "Ich bleibe. So, wie ich immer in deinem Kopf bleiben werde." Nachdem Martijn alle Kontakte nach außen gekappt hat, begibt sich das Paar in seine Kindertage. Individualpsychologisch regressiv zu Kinderspielen und tabukulturgeschichtlich hinter das Inzestverbot. Die durchgehend subjektive Kamera ist kein einfacher Gag. Viel intensiver als bei den älteren filmhistorischen Verwandten "Peeping Tom" oder "Die Dame im See" provoziert "Kleine Schwester" Gedanken über den Kamera-Blick und seine Macht: Die Verhältnisse ändern sich, als Daantje die Kamera in die Hand nimmt. Martijn ist eine Person, aber vor allem eine subjektive Kamera. Das ist das filmische Mittel, die Perspektive, aus der schon der kleine Michael Myers seine Schwester in "Halloween" ermordete. So stellt es auch der Abspann klar, der neben den beiden Darstellern des Martijn (Martijn Zuidewind, Hugo Metsers III) auch den Kameramann Bert Pot aufführt. (An "Die Dame im See" erinnert auch die Spiegel-Aufnahme Martijns mit Kamera im Hotel Tabu.) So ist "Kleine Schwester" nicht nur eine Psychostory in sehr raffiniertem Stil und mit intelligenten Mitteln. Es ist auch ein wichtiger Film über den allgegenwärtigen Blick von Kameras oder über die Liebe zur Kamera. Trotzdem steckt viel Witz in diesem System, das nie langweilig wird: Nach partyfröhlichen Aufnahmen vom Wodkaglas schwanken die Bilder. Martijns Blackout fangen die Partygäste mit eigenen Aufnahmen auf, die der Eindringling am verkaterten Morgen beim Zurückspulen entdeckt. Der Vergleich von "privaten" Tagebuchaufzeichnungen und ebenso intimen Videoaufzeichnungen ist nur eine der tollen
Entdeckungen, die sich dabei machen lassen.
Thematisch erinnert "Kleine Schwester" schnell an Inzest-Filme wie "Der Zementgarten" oder Claire Denises Locarno-Gewinner "Nenette et Boni". Doch vor leichtfertigem Umgang mit dem großen Wort "Inzest" warnt "Kleine Schwester" und öffnet dadurch die panikverengten Augen. Bemerkenswert ist Kim van Kooten, die eindrucksvolle Darstellerin der Daantje. Die junge, hübsche Frau verblüfft mit vielen Gesichtern, dem der selbständigen Frau ebenso wie dem des kleinen Mädchens. Einen Mini-Gastauftritt bietet der Alt-Rocker Herman Brood.

PS: Übrigens lohnt sogar das Warten auf das Ende des Abspanns. In dem beiläufigen Flohmarktgespräch um den Verkauf von Videotapes, die mit "Kleine Schwester" beschrieben sind, verbergen sich einige kluge filmtheoretische Gedanken.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.