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Kritik: Haben (oder nicht) (1995)


HABEN (oder nicht)

Ja, ja, so ist sie nun mal, die Jugend von heute, die Generation X: eXtrem unzufrieden, mit hoffnungslos verheXten Zukunftsaussichten und zum X-ten Mal durch fehlgeschlagene Beziehungsversuche frustriert. Boulogne-sur-mer, an der Meeresstraße von Dover: Auch die 26jährige Alice zerfließt im Zeitgeist-Selbstmitleid. Arbeitslos geworden, vom Freund getrennt muß sie wieder bei Mama und Papa anklopfen, um zumindest für ein paar Wochen
über die Runden zu kommen. Alice ist bescheiden geworden mit ihren Anforderungen ans Leben, in ihrer jetzigen Situation ist sie schon zufrieden, wenn sie wenigstens 30 Sekunden eines Tages als glücklich bezeichnen kann. Lyon, einige hundert Kilometer südlich an den Ufern der Rhône: Bruno ist Bauarbeiter, Bruno ist 27. Bruno ist von seiner Freundin verlassen und plötzlich einsam. Er spricht wahllos Frauen auf der Straße an und schachert mit Prostituierten um Preise. Doch die Frauen auf der Straße lassen ihn eiskalt abblitzen und auch die Frau vom Straßenstrich wärmt nur ein paar Sekunden, 30 Sekunden? Völlig deprimiert sucht Bruno tröstenden Beistand bei einem Freund.

Haben (oder nicht) - der Stoff aus dem psychische Folterinstrumente sind? Bestens geeignet um verzweifelten Singles in leeren Kinosälen selbstmörderische Gedanken durch den Kopf zu jagen? Könnte man meinen. Aber Brunos Freund ist Nachtportier im Hotel "Idéal". Und Alice begibt sich in Lyon auf Arbeitssuche und, welch Überraschung, bezieht ein für sie günstig gelegenes, "ideales" Zimmer. Die französische Regisseurin Laetitia Masson vergreift sich am scheinbar ältesten, abgedroschensten und angeblich ausgereiztesten Stoff der Filmgeschichte. Boy meets girl - Alice trifft auf Bruno und Bruno trifft auf Alice. Doch Haben (oder Nicht) läßt das Zusammentreffen der beiden nicht nach der einfachen Formel "Zwei Minus ergeben ein Plus" zum Klischée verkommen. Alice und Bruno treffen aufeinander und prallen aneinander ab. Es entwickelt sich eine einfühlsam inszenierte Gratwanderung zwischen gewünschter Freiheit und verhaßtem Alleinsein, zwischen Unabhängigkeit und Nähe, zwischen Aktion aus dem Bauch und Reaktionen des Verstandes. Verständnislos steht Alice der Fußballpassion von Bruno gegenüber, in ihren Augen sind zwei Stunden im Fuszlig;ball-stadion verlorene Zeit. Doch der enthusiastische Fan leistet erfolgreiche Überzeugungsarbeit, denn ein Fußballspiel dauert ja nur 90 Minuten. Einen Tag später sitzt Alice inmitten der begeisterten Masse. Solche Argumente lassen wir uns gefallen. So unlogisch, so unkompliziert, so wunderschön.
Laetitia Massons Geschichte ist ein Film über die "Un-Arten" menschlicher Zuneigung. Mit unaufdringlicher Kamera, unverbrauchten Gesichtern gelingt ihr eine unpathetische Hymne auf die Liebe: unbegreifbar, unheimlich zweischneidig, aber trotzdem unwiderstehlich und unbeeinflußbar. Vor allem durch die Hauptdarstellerin Sandrine Kiberlain -für ihre schauspielerische Leistung 1996 mit dem Cesar als beste Nachwuchsschauspielerin
ausgezeichnet- balanciert der Film kunstvoll zwischen Melancholie und zurückhaltendem Humor. Begleitet von einem stimmungsvollen, atmosphärischen Soundtrack beweist der Streifen, daß die Begriffe Beziehung und Komödie im Gegenwartskino der 90er nicht zwangsläufig immer verkuppelt werden müssen.
Bleibt nur zu hoffen, daß zumindest einige ambitionierte, risikofreudige Programmkinos einen Matinée-Nischenplatz für den diesjährigen Berlinale-Geheimtip frei haben (oder nicht).





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