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Kritik: Twin Town (1996)


"I Will Survive" - Eine Disco-Hymne der 70er wird zum Ausdruck des Lebensgefühls der 90er. Immer wieder begegnet uns der musikalische Ohrwurm von Gloria Gayner im Kino, mal in der unübertroffenen Originalversion, mal in mehr oder weniger guten Remakes. Kleines Brainstorming: In "Priscilla - Queen of the Desert", "Jenseits der Stille", "Knockin on Heaven's Door" taucht dieser Song auf, und auch im neusten britischen Kamikaze-Trip seit "Trainspotting" krönt er einen außergewöhnlichen Soundtrack. "Ich werde überleben", trotz aller fucking Umstände und shitty Zukunftsperspektiven. Im walisischen Provinznest Swansea ist dieses Motto Programm, Lebensstil und Religionsersatz. Hier schlägt man sich mehr schlecht als recht durch, haust in beengten Wohnwagencamps und dealt mit kleineren oder größeren Mengen Drogen, um wenigstens irgendwie über die Runden zu kommen.
Auch das Zwillingspaar Julian und Jeremy Lewis, eigentlich "nur" Brüder, suhlt sich im Kleinstadtmief aus Gelegenheitskriminalität und Verlegenheitsräuschen. Sie knacken hochheilige Luxuskarossen, saufen hochprozentigen Alk und inhalieren hochwertige Klebstoffdämpfe. Und mit all den anderen Einwohnern verbindet sie ein Wunsch: Man möchte jemand anders, woanders, einfach endlich weg sein. Jeder hat seinen eigenen Weg dafür gefunden. Die Lewis-Zwillinge sinnieren bewußtseinserweitert von Marokko, ihr Vater liebäugelt mit einer Seebestattung, und andere erfüllen sich den Traum nach einer besseren und glamourösen Welt mit Karaoke-Auftritten in der Provinzdisco. Die erste Hälfte von "Twin Town" ist ein rabenschwarzer, traumatischer Ritt zwischen all den Wirklichkeitsflüchten und einer bitterernsten Realität, ein Fun-Trip durch die Alltagshölle. Doch mit der Explosion eines Wohnwagens, der statt einer Hundehütte in die Luft fliegt, tritt plötzlich die Ernüchterung ein, und der Tag danach ist nur noch ein verstörtes Durcheinander mit schmerzhaftem Kater und Entzugserscheinungen. "Twin Town" inszeniert bewußt diesen filmischen Bruch. Anfangs war alles noch witzig und lustig, aber irgendwann holt einen die Wirklichkeit ein. Gewalt bekommt plötzlich einen morbiden Beigeschmack, und der anfangs so solidarisch beschworenen Nestzusammenhalt erweist sich als Farce und Täuschung. Die Flucht vor dem und ist schließlich wieder am Anfangspunkt, an einem niederschmetternden Zustand angelangt. Eines bleibt aber wahrscheinlich positiv von "Twin Town" im Hirn des Zuschauers haften, obwohl dem Film bei weitem die charismatische Ausstrahlung von "Trainspotting" fehlt, der in Schottland spielt und mit seinem Namen sicherlich die Werbetrommel für die ziemlich beschissene Nachbarregion rühren wird: Trotz der seltsam blassen Präsenz der Zwillingsdarsteller präsentiert sich die trotzige Botschaft: Nicht resignieren! Wir werden überleben! I will survive!





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