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Kritik: Jaguar (1996)


Eine große schwarze Limousine gleitet durch die abendliche Kulisse einer Großstadt und hält vor einem noblen Hotel. Die hintere Tür des Wagens wird geöffnet, ein nackter Fuß tritt auf den Gehweg. Tarzan in New York? Nein, diesmal ist es ein Schamane aus dem brasilianischen Regenwald, der seinen
Weg in eine westliche Metropole gefunden hat. Wanù, seines Zeichens Stammeshäuptling mit übersinnlichen Kräften, kommt nach Paris, um vom französischen Premierminister Unterstützung beim Erhalt des Regenwaldes zu erbitten. Begleitet wird er von Campana, seinem Dolmetscher und besten Freund.
Als die beiden zu ihrem Hotelzimmer hochfahren möchten, drängelt sich noch ein junger Mann in den Aufzug, für den diese Begegnung folgenreicher sein wird, als er im Moment glaubt: Perrin, ein glückloser Immobilienmakler, hat Spielschulden und trifft sich im Hotel mit einer seiner Geliebten, die er, nachdem er sie routiniert verführt hat, um eine halbe Million anpumpen will. Wanù schließt den leichtlebigen Sonnyboy sofort ins Herz, packt ihn in aller Freundschaft bei der Nase und erweist sich als äußerst anhänglich. So hängt er sich an das Reserverad von Perrins Jeep und steht schließlich in dessen Wohnung, wo er ihn mit einem Pulver einschläfert und mit rituellen Zeichen bemalt. Was diese Zeichen bedeuten, wird am folgenden Tag klar: Nach seinem Empfang beim Premierminister bricht Wanù zusammen und verlangt, scheinbar sterbend, nach Perrin. Denn er sei der Auserwählte, der dem Schamanen als einziger wieder zu seiner Seele verhelfen kann, die diesem von einem Bösewicht am Amazonas durch schwarze Magie gestohlen wurde. Perrin hält das alles (wie vielleicht auch der Zuschauer) zunächst für einen Scherz. Doch da ihm gerade zwei schwarzgekleidete Geldeintreiber auf den Fersen sind, kommt eine Reise an den Amazonas nicht ungelegen. Perrin hat jedoch die Nase voll, kaum daß er in Begleitung von Campana in Brasilien eingetroffen ist: Die heruntergekommene Goldgräberstadt, in die ihn Campana führt, entspricht ganz und gar nicht seinen Vorstellungen von Komfort und einem angenehmen Urlaub. Doch schon längst ist er unausweichlich in die Ereignisse verstrickt. Ohne Campana findet sich der Stadtmensch in der fremden Umgebung nicht zurecht, und in einer Bar legt er sich mit dem Finsterling Kumare (Danny Trejo) und dessen Schergen an. Sie sind, wie sich bald herausstellt, die Räuber der verlorenen Seele und haben es auf ein Amulett Perrins abgesehen,
das ihm Wanù mitgegeben hat und das dessen übernatürliche Kräfte enthält. Maya (Patricia Velasquez), eine Eingeborene, die sich in der Gewalt Kumares befindet, flieht gemeinsam mit Perrin. Nach allerlei Verwicklungen verlieben sich Perrin und Maya, besiegt Perrin Kumare in einem rituellen Kampf, kann Wanù Perrin endlich wieder herzlich an der Nase fassen, und Perrin und Maya fortan glücklich in Mayas Dorf am Amazonas leben. Und wenn sie nicht noch heute leben, dann sind sie wohl gestorben...
"Jaguar" ist ein Beispiel von einfallslosem postmodernem Kino, wie es in jüngster Zeit in einer ungebrochenen Reihe industrieller Produktionen anzutreffen ist. Ohne mit der Wimper zu zucken bediente sich Regisseur und Drehbuchautor Francis Veber an Elementen aus Erfolgsfilmen wie "Tarzan", "Das Leben des Brian" und vor allem aus den "Indiana Jones"-Filmen. Als Ergebnis entstand eine Action-Komödie, die eben wie jede
andere Action-Komödie alle Klischees bedient, die uns als Kinogänger geläufig sind. Flache Charaktere bewegen sich durch glatte Bilder einer ästhetisierten Exotik, die mit kitschiger, gefühlsduseliger Musik unterlegt sind. Da ist einmal der typische Urwaldbewohner und Naturmensch Wanù.
Daß dieser sich auch durch die kühle Großstadt Paris nur indianisch-spärlich bekleidet bewegt, wollen wir noch hinnehmen. Ärgerlicher ist schon, daß der Indianer über weite Strecken wie ein aufsässiges Kind dargestellt wird, wie ein interessantes Tier, das sich allenfalls das Attribut "putzig" verdient. Allgemein werden die Zerstörung des Regenwaldes und die Probleme der Indios nur sehr oberflächlich behandelt. Sie dienen lediglich dazu, dem Film ein mystisch-exotisches Flair zu verschaffen. Dann haben wir die üblichen Bösewichte, die tatsächlich durch und durch bösartig sind, schrecklich häßliche Fratzen haben und auch stets fies lachen, wenn sie aus einem Flugzeug heraus mit einem Maschinengewehr auf Menschen schießen. Als Kumare und seine Handlager auf der Suche nach Perrin sind, wird die Darstellung von Gewalt überflüssigerweise sehr drastisch: Zeugen, die ihnen nicht weiterhelfen können, wird der Arm abgehackt oder der Kopf abgeschlagen. Unverständlich - schließlich zielt "Jaguar" insbesondere auf Kinder und Jugendliche als Zuschauer ab.
Fehlen darf auch nicht das begehrenswerte Eingeborenen-Mädchen, die kaffeebraune Südsee-Schönheit, wie wir sie aus der Bananen-Werbung kennen: Maya. Gespielt wird sie von der Halbindianerin Patricia Velasquez, die es in ihrem ersten großen Auftritt auf der Leinwand auf etwa zwei unterscheidbare mimische Ausdrücke bringt. Die einzige interessante Personenkonstellation bilden die beiden Hauptfiguren, Perrin und Campana. Hier steht ein Stadtmensch und Anti-Held, der selber nicht weiß, wie er in diese Geschichte geraten ist, einem stämmigen und unangreifbaren Naturburschen gegenüber, der durch (fast) nichts umzuwerfen ist. Wie ein Vater lotst Campana den jüngeren Perrin durch die Gefahren der Dschungelwelt und spart dabei nicht mit elterlichem Tadel. Während Patrick Bruel die Möglichkeiten seiner Rolle bei weitem nicht auszuloten vermag, überzeugt Jean Reno mit seiner robusten Art der Darstellung. Nachdem er in "Im Rausch der Tiefe", "Nikita" und "Leon - Der Profi"
mit Luc Besson zusammengearbeitet hatte, gab er jüngst in "Mission Impossible" seinen Einstand in Hollywood.
Trotz vieler Stereotypen und einem völlig absurden Drehbuch ist "Jaguar" temporeich und professionell inszeniert. Zudem macht den Film sympathisch, daß er sich an einigen Stellen selbst nicht ganz ernst nimmt und dabei auch vor purem Slapstick nicht zurückschreckt. So bietet "Jaguar" sicher keine neuen Ideen, doch dafür, wenn man das Denken abschaltet, einige unterhaltsame und witzige Momente.





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