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Kritik: Engel des Universums (2000)


Dass die isländische Filmproduktion so überschaubar ist, liegt vor allem daran, dass sie seit gut 20 Jahren eigentlich ausschließlich mit einem Namen verbunden ist. Fridrik Thor Fridriksson hat 1980 seinen ersten Film gedreht und zählt spätestens seit seinem oscarnominierten "Children of Nature" zu den wichtigsten europäischen Filmemachern. Waren seine bisherigen Werke eher Erforschungen der Außenwelt und stark geprägt von der archaischen Landschaft seiner Heimat, ist sein neuster Film eine Reise in die innere Erfahrung. Mit "Engel des Universums" liefert Fridriksson gewissermaßen die Innenansicht einer psychischen Erkrankung. Dabei ist ihm einer der eindringlichsten und ungewöhnlichsten Filme über Geisteskrankheit überhaupt gelungen.

Obwohl längst in den 20ern, lebt Paul noch bei seinen Eltern in einer Reihenhaussiedlung in Reykjavik. Seine überschäumende Phantasie und sein sensibles Wesen scheinen den jungen Mann für eine Künstlerkarriere zu prädestinieren. Eines Tages verliebt sich Paul in ein Mädchen aus besserem Haus. Die Warnungen seines Freundes, sich nicht ausnutzen zu lassen, schlägt er euphorisch in den Wind.

Als er wenig später, wie prophezeit, verlassen wird, verliert Paul allmählich den Boden unter den Füßen. Immer mehr zieht er sich zurück. Um so heftiger sind seine gelegentlichen Wutanfälle in Richtung Familie sowie quälende Angstattacken. Als Paul immer mehr zu einer Bedrohung für sich und seine Umgebung wird, wird er in eine Klinik eingeliefert. Schizophrenie lautet die Diagnose. In der Psychiatrie lebt er zusammen mit anderem Patienten, die ganz in ihren zum Teil skurrilen Hirngespinsten aufgehen. Das Anstaltsleben trägt jedoch kaum zu einer Gesundung von Paul bei. Gelegentliche Kontakte mit der Außenwelt machen klar, wie fließend der Übergang zwischen krank und gesund und wie relativ die vermeintliche Normalität ist.

"Engel des Universums" ist das berührende Porträt eines Mannes, der sich mit dem reinen Herzen eines Kindes seinen Gefühlen hingibt, überhaupt nicht dazu in der Lage ist, sie zu verdrängen und somit an der Welt - bzw. richtiger - an den Menschen scheitert. Bei aller bedrückenden Tragik des Themas, und die Geschichte von Paul (den es wirklich gegeben hat, und über den der Drehbuchautor und Freund von Fridriksson, Einar Mar Gudmundsson, einen wunderbaren Roman geschrieben hat) ist wirklich zum Heulen traurig, suhlt sich der Film jedoch an keiner Stelle im Elend, sondern hält stets und erfolgreich Ausschau nach komischen Momenten.

Neben dem eindrucksvollen Hauptdarsteller besticht vor allem die sorgsam durchkomponierte Farbdramaturgie des Films. Überhapt ist "Engel des Universums" ein Film von einem ungemein souveränen Auftreten, der im übrigen der uralten Erkenntnis, dass es nur eine schmaler Grat ist, der vermeintliche Normalität und ebensolchen Wahnsinn trennt, viel von seiner Profanität nimmt.

Thomas


"Vor Gott sind wir alle gleich. Wir sind Engel. Engel des Universums." Zu diesem Zeitpunkt ist der Rebell bereits an der kalt-grauen Gesellschaft zerbrochen. Paul vegetiert in einer tristen Nervenanstalt unter unmenschlichen Bedingungen. Einzig seine Scheinwelt verheißt die Freiheit, dort erlangen er und seine Leidensgenossen ihre Würde und Lebensfreude wieder. Nur ein Suizid kann Paul aus der unwirtlichen Realität erlösen.

Diese erdrückende und ausweglose Tragik schlägt für Momente ins Absurde um. Das Groteske gebiert dann komische Aspekte, die zur rechten Zeit den harten Ton auflockern. Der isländische Regiemeister Thor Fridriksson ("Kinder der Natur") vexiert in seiner Reise zum düsteren Grund der Seele Normalität und Wahnsinn. Seine auf der Autobiographie von Einar Mar Gudmundsson basierende Schilderung übernimmt die verstörenden Bewusstseinszustände der anfangs normalen Hauptperson, die wie ein Fremdkörper weggesperrt wird.

Fridrikssons brillante Darsteller verleihen Tiefe, sein Stil Eindringlichkeit und Sympathie für Pauls Universum. Mehr noch: Die vertraute Welt erhält gefährliche Risse. Sie gerät aus den Fugen; auch dem Zuschauer schwindet der Boden unter den Füßen. So drastisch und nachhaltig, dass man nach dem Genuß des keinesfalls einfachen, aber sehr lohnenswerten Films, der eine so ungewöhnliche Weltsicht offeriert, ergriffen räsoniert.

Es wird wie so oft nicht für den Durchschnittskinogänger sprechen, der Banalitäten wie "Miss Undercover" oder "Mädchen, Mädchen" zum Favoriten kürt und solch ambitionierten Solitär achtlos links liegen lässt - was man mühelos prognostizieren kann.






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