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Kritik: Dreckfresser (2000)


Sam Meffire hat eine seltsame "Karriere" in der deutschen Öffentlichkeit gemacht. 1992 wurde er für eine Plakatwerbeaktion gegen Rassismus unter dem Titel "Ein Sachse" eingesetzt. Der Sohn einer Deutschen und eines Afrikaners war der erste Farbige in den Reihen der sächsischen Polizei und wurde als Symbolfigur eines ausländerintegrierenden Deutschlands von Interview zu Interview und von Talkshow zu Talkshow gereicht. 1996 tauchte er erneut in den Medien auf, als er wegen Erpressung und Raubüberfalls zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde, die der heute 31jährige noch immer abbrummt.

Branwen Okpako, Tochter einer Waliserin und eines Nigerianers hat mit "Dreckfresser" ihren Abschlussfilm an der Deutschen Film- und Fernsehakademie vorgelegt - ein Interviewdokumentarfilm, der ergründen möchte, wieso Sam Meffire so tief fallen konnte, wie sich die Medien und die Politik - der ehemalige sächsische Innenminister Heinz Eggert ist Interviewpartner - seiner bedient haben, und inwieweit gesellschaftliche Stimmung in DDR und in der Nachwendezeit Meffire beeinflusst haben.

Der reißerische Titel - der Name eines Gedichts von Meffire - entspricht dabei nicht der ruhigen Erzählweise von Frau Okpako, die geschickt die verschiedenen Aussagen der Interviewpartner montiert hat, ohne dass der Eindruck entstehen würde, sie wolle ihren Film in eine bestimmte Aussagerichtung manövrieren. Ihre Sympathien für den im Gefängnis interviewten Ex-Polizisten sind unverkennbar, aber sie arbeitet durch Aussagen seiner ehemaligen Arbeitskollegen auch die Schwierigkeiten und Brüche seines Charakters heraus. In einem berührenden Moment muss sein ehemals bester Freund lange nach den richtigen Worten ringen, um zu beschreiben, warum es so weit kommen musste: "Sam hat sich halt nie richtig auskotzen können."

Die anklingende Selbstkritik in den Antworten einiger Beteiligter zeigen darüber hinaus, dass es für Sam Meffire nicht im Gefängnis hätte enden müssen und verweisen auf das Wechselspiel zwischen Erwartungen, Hoffnungen, Ehrgeiz, Selbstüberschätzung und Paranoia, die den sympathisch und geerdet wirkenden jungen Mann haben scheitern lassen. "Dreckfresser" negiert nicht die persönliche Schuld, aber er zeigt auch klar, dass bei einem Menschen wie Meffire eine Geschichte und bestimmte Umstände zu dieser Schuld mit beigetragen haben.

Ob die Auszüge aus Meffires Gedichten den Film wirklich um eine Dimension bereichern, ist fraglich, aber fraglos ist hier ein interessantes Stück persönlicher Zeitgeschichte mit Ernst und Nüchternheit fesselnd nachgezeichnet worden.





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