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Texas Chainsaw Massacre
Texas Chainsaw Massacre
© Drop-Out Cinema eG

Kritik: Blutgericht in Texas (1974)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Tobe Hoopers berüchtigter Terror-Film "The Texas Chainsaw Massacre" (1974) gehört zu den besten und einflussreichsten Horror-Klassikern der Filmgeschichte. Dessen Radikalität und Bedeutung für weitere Entwicklung des Kinos ist durchaus mit der von Luis Buñuels und Salvador Dalís surrealistischen Kurzfilm "Ein andalusischer Hund" (1929) vergleichbar. Aber während "Ein andalusischer Hund" zur Zeit das Herzstück einer Ausstellung zum surrealen Film im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt bildet, war "The Texas Chainsaw Massacre" bis vor drei Jahren in Deutschland verboten. Zuvor kam der Film erst 1978 in einer um neun Minuten gekürzten Version unter dem dümmlichen Titel "Blutgericht in Texas" in die deutschen Kinos. Es ist diese bereits erheblich verstümmelte Version, die 1982 als Video bundesweit beschlagnahmt wurde. Dieser Beschluss wurde erst 2011 auf Antrag des deutschen Rechteinhabers Turbinen Medien beim Landesgericht Frankfurt am Main aufgehoben, was eine ungekürzte (und remasterte) DVD-Veröffentlichung des Films in Deutschland möglich machte.

Jetzt bringt der unabhängige Verleih Cinema Obscure "The Texas Chainsaw Massacre" in seiner ungekürzten Originalfassung in einige ausgewählte deutsche Kinos und ermöglicht somit erstmals dieses Horror-Meisterwerk auch in Deutschland auf angemessene Weise auf der Großen Leinwand zu betrachten. - Die bis ins neue Jahrtausend anhaltende Indizierung von "The Texas Chainsaw Massacre" war gleich doppelt unsinnig: Erstens kam 2003 das "Michael Bay's Texas Chainsaw Massacre" in die deutschen Kinos. Im Gegensatz zum Original ist dieses Remake tatsächlich extrem blutrünstig. Trotzdem darf die ungekürzte DVD selbst hierzulande völlig frei ab 18 Jahren verkauft werden. Zweitens kann ohne Übertreibung festgehalten werden, dass es im Original-Film von 1974 keine einzige Szene expliziter Gewalt gibt, die sich mit der so berüchtigten Augenaufschlitzszene aus Buñuels "Ein andalusischer Hund" vergleichen ließe. Tatsächlich kommt "The Texas Chainsaw Massacre" vollständig ohne Nahaufnahmen körperlicher Verstümmelung aus.

Dass "The Texas Chainsaw Massacre" bis heute eine zutiefst verstörende Wirkung ausübt, liegt an der gelungenen Erzeugung einer ganz eigenen bedrohlichen Atmosphäre. Hierbei vereinen sich auf ideale Weise eine Reihe von Einzelfaktoren zu einem größeren Ganzen, die für sich betrachtet nicht unbedingt als Komponenten eines gelungenen Films betrachtet werden können. So merkt man dem Film sein geringes Budget jederzeit an. "The Texas Chainsaw Massacre" ist auf 16-Millimeter-Film gedreht, der für die Kinopräsentation künstlich auf 35-Millimeter aufgeblasen wurde. Fast alle Darsteller sind Laien oder zumindest recht unerfahren. Große Schauspielkunst sieht definitiv anders aus. Doch dies alles unterstützt den rohen Grundeindruck des Films, der durch einige sehr bewusst gewählte Stilmittel zu einer Stimmung des reinen Unbehagens und Terrors gesteigert wird: Laut legt sich ein beängstigendes percussionslastiges Sounddesign über die Bilder. Das ländliche Setting markiert auch geistig einen Ort fern jeder Zivilisation, der von brutalen Urinstinkten und von inhumanen Perversionen regiert wird.

Zu der von Anbeginn an befremdlichen Atmosphäre trägt auch das Fehlen einer echten Identifikationsfigur bei. Bei den beiden Hippie-Pärchen fehlt jede echte Charakterzeichnung. Einzig der Rollstuhlfahrer Franklyn (Paul A. Partain) besitzt eine greifbare Persönlichkeit. Allerdings taugt auch er nicht zur Identifikation, erweist Franklyn sich doch sehr schnell als ein klarer Antipath. - Dies ist ein Element, wie es heutzutage aufgrund der - grassierenden politischen Korrektheit undenkbar wäre. - Die diffus bedrohliche Anfangsstimmung steigert sich zu blanken Terror, als die ersten Mitglieder der Gruppe das Haus der zu Kannibalen degenerierten Rednecks betreten. Bereits im Garten haben erste bizarre Knochen-Kunstwerke angedeutet, dass dieser Ort nicht nur fern jeder Zivilisation, sondern auch fern jeden rationalen Verständnisses ist. Dies ist ein surreales Reich blanken Terrors und reinen Wahnsinns. Jener kulminiert in einer Essensszene die in ihrer verstörenden Absurdität bereits vorwegnimmt, was in den USA erst David Lynch erneut erreichen sollte. Diese groteske Eskalation greift sogar auf die Kamera über, die in wilden Close-Ups umherzuspringen beginnt. Willkommen in einer Welt des grenzenlos entfesselten Wahnsinns!

Fazit: "The Texas Chainsaw Massacre" ist mehr als ein Film: ein Zustand und eine eigene Welt, so wie es auch eine kafkaeske oder eine lyncheske Welt gibt.





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