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Kritik: Star Trek (2008)


"Der König ist tot, es lebe der König (?)"
Der größere Hype gehörte zwar seit jeher der Konkurrenz aus dem lucasischen Universum, doch keine Science-Fiction-Serie hat es auf mehr Kinofilme, Serien und Spin-offs gebracht und keine hat eine derart treue Fangemeinde, die seit vier Jahrzehnten mit ihren Helden durch dick und dünn geht wie "Star Trek". Seit einigen Jahren nun hungern die Fans. Ernähren sich nur von TV-Konserven, Silberscheiben oder verstaubten VHS-Tapes. Nachdem der letzte Film floppte und auch die TV-Serie "Enterprise" nach vier Staffeln vorzeitig abgesetzt wurde, gab es keine Neuigkeiten aus dem Föderationsraum. Funkstille herrschte und es war zunächst sogar fraglich, wann und ob es einen Versuch geben würde, den Trek-Kult wieder zu beleben.

Bis J. J. Abrahams, der Schöpfer solcher Serien wie "Alias", "Lost" oder "Fringe", die brachliegende Lizenz in die Hände bekam. Kinoerfahrung hat Abrahams auch: So führte er bei "Mission Impossible III" Regie und produzierte "Cloverfield". Doch ist jemand, der laut eigener Aussage kein ausgesprochener "Star Trek"-Fan ist (Zitat: "Ich selbst war nie ein großer ST-Fan (…)Die Meinung der Fans ist zwar wichtig, aber letztendlich nicht für den Film entscheidend.") der richtige Mann, der Saga wieder neues Leben einzuhauchen?

Die gute Nachricht ist: Selbst der größte Trekkie-Purist wird, nachdem die Schlussakkorde des Classic-Themas verklungen sind, eingestehen müssen, dass es zwar neu ist, aber doch wieder alt und bekannt. Im neuen Gewand steckt immer noch "Star Trek", wenn auch (irgendwie) anders. Was Gene Roddenberry dazu sage würde, wenn er könnte, bleibt reine Spekulation; befragen kann man den ST-Vater nicht, da er bereits 1991 verstarb.

Was ist also neu und was immer noch so wie es sein muss? Die gute alte NCC-1701 USS-Enterprise sieht dem Original schon sehr ähnlich; sicher etwas stylischer und zeitgemäß aufpoliert. Der Maschinenraum hingegen erinnert mehr an ein Dampfschiff des 20. Jahrhunderts, das ist schon mehr retro als erwartet und wirkt antiker als an Bord der Classic-Enterprise. Die Brücke hingegen erstrahlt in futuristischem Design. So schnieke und modern sah es noch auf keinem Föderationsraumschiff aus. Irritierenderweise trifft man an Bord auch gleich auf Waffenoffizier Pavel Chekov (Anton Yelchin). Kam der nicht erst später zur Crew hinzu, fragt sich der bewanderte Trekkie? Und warum haben einige Shuttles warpgondelähnliche Ausleger? Die Uniformen sind eine klare Hommage an die alten Filme und auch dem Overall-Look der letzten Serie, die an die Zeit der Voranfänge der Föderation führte, wird Rechnung getragen.
Soweit das Design, aber stimmt auch der Inhalt, wurde dem "Last Frontier/Where no man has gone before"-Gedanken adäquat gehuldigt?
Wie alle "Star Trek"-Filme Produkt des Zeitgeists waren, ist auch der aktuelle Streifen eben das: Er ist schnell, schmackhaft und schön anzusehen. Das Ding schaut sich regelrecht so weg, dass selbst dem eingefleischten Trekkie anfänglich kaum Zeit bleibt, die abrahamische Kreation in Frage zu stellen, zu gut und zu kurzweilig wird man unterhalten. Die Story dreht sich im Kern darum wie Kirk, Spock und "Pille" zusammen fanden, zeigt aber auch deutliche Anleihen beim letzten Film: Wieder möchte ein boshafter Romulaner mit einem mächtigen und besonders bedrohlich aussehenden Schiff die Föderation ins Unglück stürzen. Zugegebenermaßen kommt Eric Bana als romulanischer Bösewicht Nero deutlich überzeugender rüber, als der Picard-Klon aus "Star Trek 10: Nemesis" Shinzon (Tom Hardy). Allerdings können Dinge auch verschlimmbessert werden: Verfügte Shinzon noch über ein verzerrtes Innenleben, das prinzipiell jeder große Bösewicht benötigt, um wirklich interessant zu sein, ist Neros Rachemotiv mehr Mittel zum Zweck, die Geschichte zu erzählen.
Überhaupt scheint dies für die Mehrheit der klassischen Anleihen und Referenzen zu gelten. Abrahams strickt sich elegant seine eigene Interpretation, achtet sorgsam darauf sich die alten Fans nicht zu verbrämen, will aber eindeutig neue Zielgruppen mit dem gepimpten Produkt erschließen.
Das gelingt umso besser, da man nach diesem Film den "Star Trek"-Chronographen wieder bei null starten darf. Abrahams räumt mit einem "Kunstgriff" 40 Jahre "Future History" beiseite und hat die Galaxis für sich und seine künftige ST-Interpretation. Viel Raum für neue Geschichten, die nun nicht mehr mit den vorgegebenen (Zeit-)Linien kollidieren. Man stelle sich vor, George Lucas hätte "Star Wars – Episode I-III" in andere Hände gegeben, um anschließend festzustellen, dass die Ereignisse von "Episode IV-VI" nun neu geschrieben werden können!
Beim Cast wurde sorgsam Wert darauf gelegt, Schauspieler zu finden, die einerseits etwas markant eigenes haben, andererseits aber auch etwas der klassischen Figuren in sich tragen. Tatsächlich ist dies gut gelungen. Man nimmt den Neuen schon ab, dass sie eines Tages diese legendäre Dreiercombo aus Kirk, Spock und "Pille" sein werden. Sogar dem Altersunterschied der Classic-Crew wurde Rechnung getragen: Cris Pine alias James T. Kirk wirkt jünger als der Spockdarsteller Zachary Quinto und Karl Urban, der den Chefarzt Pille gibt, hat noch ein paar Jahre mehr auf dem Buckel. Diese Lösung sollte auch all jene zufrieden stellen, die befürchteten "Star Trek XI" könnte zu einer Teenieshow verkommen. Mit der Besetzung Simon Peggs als "Scotty" ist Abrahams sogar ein besonderer Glücksgriff gelungen. Kaum einer wäre besser geeignet, den schrulligen, schottischen Chefingenieur zu mimen, als der englische Komiker. Die größte Verbeugung an die Classic-Crew und die alten Fans ist aber sicherlich die Einbeziehung Leonard Nimoys als alten Spock in die Geschichte.
Spock ist auch der heimliche Star des Films. Besonderes Augenmerk wurde dabei auf seine Dualität gelegt, da er ja bekanntermaßen nur Halbvulkanier ist. Noch nie zuvor gab es deshalb einen derart emotionalen Spock zu sehen, der, so richtig in Rage, jeden Klingonen vergessen macht.
Zu den Spezialeffekten bleibt eigentlich nicht viel zu sagen: allerfeinstes Bilderspektakel; visuell kann dem Zuschauer wirklich "einer abgehen". Was aber gerne vergessen wird: Auch wenn heutzutage, die alten Filme angestaubt wirken, so war jeder "Star Trek"-Film bei seinem Start technisch gesehen auf der Höhe seiner Zeit. Und natürlich lebt jede Space Opera eben auch vom dargebotenen Effektspektakel, aber eine gute Story hat noch nie geschadet.

Fazit: Abrahams hat "Star Trek" nicht nur wieder belebt, sondern gleich resetet. Das mag für viele eine echter Geniestreich sein, muss aber nicht rundherum gefallen; insbesondere als Fan, der sowohl die Classic Serie als auch "Next Generation" und die diversen Ableger kennt. 40 Jahre lang bevölkerten Figuren, inspiriert vom Geist eines Gene Roddenberrys, die Galaxis. "Star Trek" war moralischer als andere Science-Fiction-Formate und griff immer wieder gesellschaftliche Entwicklungen und heiße politische Themen für die erzählten Geschichten auf. "New Star Trek" riecht nach knalligem Bombast-Sci-Fi-Popcorn-Entertaintment, das sich nicht um diesen Ballast scheren braucht - man mag sich irren, die Zukunft wird es zeigen. Auf den ersten Blick sieht es halt aus wie leckeres Fast Food: verführerisch, vielleicht, aber auf die Dauer unbefriedigend.





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