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Kritik: Tango Lesson (1997)


Folgt nun nach Mambowahn und Lambadafieber der 80er ein neuer lateinamerikanischer Modetrend für die Tanzschulen der 90er? Sicherlich nicht, denn "Tango Lesson" wird keinen konsequenten Tanzverächter vom Hocker aufs Parkett reißen. Und trotzdem ist Sally Potters stark autobiographisch angehauchte Hommage ein Film, der durchaus seine Reize besitzt, ein Film, der ziemlich anders ist als andere Tanzfilme, und gerade deshalb (leider) ein Spartenfilm für ein Spartenpublikum bleiben wird.
Sally ist anders, älter als die üblichen Tanzdiven, die ihren männlichen Partnern schon so oft mit jugendlichem Elan ins Herz wirbelten. Sally hat Falten und eine blaße Haut, doch ihre Linien verkörpern souveräne Reife, ihr Teint wirkt klassisch grazil. Aus einem unbewegten Gesicht blicken zwei dunkle, melancholische Augen auf den Mann, den sie liebt, auf die Stationen ihrer "bewegten" Reise durch London, Paris und Buenos Aires. Wenn ihr Tränen über die Wangen laufen, bewegt sich Wasser wie über ein zeitloses Gemälde. Ihre Gegenwart verbreitet eine seltsam ruhige Atmosphäre. Und das soll der Star eines feurigen, temperamentvollen Tanzes sein?
Ja, denn in der Ruhe liegt die Kraft, denn erst wenn man Klischees über den Haufen wirft, versteht man und lernt sie zu schätzen. "Tango Lesson" wirft vieles über den Haufen, um es zu aller Überraschung kurze Zeit später wieder hervorzukramen. So untypisch ein Tanzfilm in Schwarz-Weiß (!), so mitreißend die Parketteinlagen, die schon den Veteranen des Genres ihren unwiderstehlichen Charme verliehen: Schritte im 2/4-Takt unter regengießendem Himmel, eine Salatstepnummer mit Rührlöffel und dreckigem Geschirr - "Dirty Dancing" auf der Herdplatte. Und nicht nur Woody Allen hat in diesem Jahr das Seineufer der französischen Weltmetropole als romantisches Pflaster wiederentdeckt.
Was bleibt, neben all diesem Gewohntem, ist ein Film, der bei weitem nicht gewöhnlich ist. "Tango Lesson" experimentiert mit neuen Schrittfolgen und verliert trotzdem nicht sein Gefühl für Takt und Rhythmus. Und so ganz nebenbei dürfen wir auch noch einen Blick auf Sally Potters potentiell nächsten Film werfen. Denn die eingangs erwähnten weißen Drehbuchseiten erhalten doch impressionsartig bebilderte Bleistiftspuren; viel weniger im Stil von "Tango Lesson", als vielmehr in der üppig-farbenfrohen Tradition des oscarprämierten "Orlando". Und überraschen wird uns Sally Potter allemal.





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