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Kritik: Nénette et Boni (1996)


"Nénette et Boni" steht da in weißen Lettern auf schwarzem Untergrund, das Plätschern von Wasser ist zu hören, dann weichen die Titel auf und gehen über in das türkisfarbene Becken eines Schwimmbades. Eine schöne Einstellung. Haare, dunkle schöne lange Haare, gleiten an der Oberfläche entlang, sie rahmen das Gesicht von Nénette (Alice Houri) ein, die im knallroten Dress mit ausgestreckten Armen scheinbar leblos im Wasser liegt. Doch dann ein zarter Augenaufschlag, ein verhaltenes, sanftes Lächeln:

Nénettes Gesicht ist marmorweiß und fragil, man möchte es in Samthände einbetten und vor dem Unheil dieser schmutzigen Welt protegieren. Doch Nénette, gerade mal 15 Jahre jung, ist mit dieser Welt bereits gut vertraut, verschließt ihre Augen nicht, auch dann nicht, als ihr Bruder Boni (Grégoire Colin) sie nach ihrer Rückkehr abweist. Denn bei Boni taucht sie eines Tages unvermittelt auf, flieht vor dem Vater, und kehrt zurück ins Haus der Mutter, die inzwischen verstorben ist. Aber Boni lebt noch hier, allein. Er arbeitet im Hafen von Marseille als Pizzaverkäufer. Ansonsten träumt er - erträumt sich eine Liebe, träumt Wärme und Zärtlichkeit herbei in seine kalte alltägliche Tristesse. Heimlich himmelt er die üppige Bäckerin (Valéria Bruni-Tedeschi) aus der Nachbarschaft an, während er sein Tagebuch mit "Geständnisse eines Versagers" überschreibt. Beide, sowohl Nénette als auch ihr Bruder Boni, leben in schierer Lieblosigkeit. Das hinterläßt Spuren:

Einmal, da schaut Boni direkt in die Kamera, und dem schmerzerfüllten Blick seiner dunklen Augen hält man nur ungern stand, weicht lieber kurz aus. Gegen Ende dieser einzigartigen Geschichte um eine ungelebte Geschwisterliebe, da liegt Nénette schwanger im Krankenhaus und läßt ohne Betäubung abtreiben: Hier wird ihr Schmerz visuell erfahrbar, das Baby will sie noch nicht einmal sehen, verstößt es. Ihre Bitte an die Schwester, es solle doch möglichst nicht weh tun, wird abgetan. Ähnlich wurde ihr ganzes Leben abgetan, und was bleibt, ist das Nachhallen ihres Wimmerns auf der Bahre vor den türkisfarbenen Kacheln des Krankenhauses. Und draußen auf dem Gang der bildgewordenen Sterilität wird Boni von den Pflegern abgewiesen und weggeschickt - Schwester und Bruder dürfen nicht beinander sein, auch jetzt nicht. Boni wird sich schließlich des Kindes annehmen:

Die letzte Einstellungsfolge zeigt erst den jungen Vater, dann Nénette, wie sie draußen im winterlichen Garten sitzt, und sich eine Zigarette anzündet. Dabei liegt ein sanftes Lächeln auf ihren Lippen, wie eine verlorene Regung inmitten ihrer Verletztheit, und sie schaut gen Himmel. Schnitt, Abspann.

"Nénette & Boni" wurde von Claire Denis inszeniert und geschrieben:

Ein Glücksfall, ein Meisterwerk!

Auf dem Festival von Locarno gab es dafür drei Leoparden, unter anderem für den besten Film. Der bereits 1996 entstandene Film zeigt in seltener Offenheit das unmittelbare Moment verschiedenster Ausprägungen von Schmerz, das geht zuweilen bis an den Rand des Erträglichen. Gezeigt wird letztendlich nichts, doch Claire Denis wählt eindeutige, dabei angenehm unaufdringliche Konnotationen und eine äußerst subtile, fein ziselierte Bildmetaphorik, um ihr Anliegen wahrhaft spürbar werden zu lassen. Dabei liegt über dem ganzen Film neben all der aufrüttelnden Tragik eine intensive Zartheit und Sanftheit, die tröstlich ist. Die von Agnès Godard famos-virtuos geführte Kamera läßt "Nénette & Boni" zu einem Feuerwerk unkonventioneller, ungeahnter Visualität geraten: Fahrten und Schwenks, wo man sie nicht erwartet; lange, sehr lange Einstelllungen, welche die Seelenzustände geradezu einfrieren; und das surrealistisch anmutende Miteinander von Farbgebung und Kamerapositionierung. Und selten nur hat ein solch intelligenter Schnitt (Yann Dedet) dem Zuschauer stets aufs neue einen Strich durch die Rechnung des Kopf-Kinos gemacht.




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