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Jackie Brown
Jackie Brown
© Bac Distribution

Kritik: Jackie Brown (1997)


"Jackie Brown", Quentin Tarantinos lange erwarteter neuer Film, der bei der Berlinale Deutschlandpremiere feierte, kommt nun endlich bundesweit in die Kinos (16.04 1998). Die lange Wartezeit läßt hoffen, daß man sich mit der Synchronisation Mühe gegeben hat: mehr noch als "Reservoir Dogs" und "Pulp Fiction" liegt nämlich in den Dialogen die wahre Stärke dieses Films.

Erstmals hat Tarantino beim Drehbuchschreiben auf eine literarische Vorlage zurückgegriffen, auf den Roman "Rum Punch" des amerikanischen Krimischriftstellers Elmore Leonard. Hieran mag es liegen, daß sich "Jackie Brown" in so mancher Hinsicht von Meister Quentins bisherigen Werken unterscheidet. Am auffälligsten ist der verlangsamte Erzählfluß: fast 2 1/2 Stunden braucht Tarantino um die gar nicht so komplizierte Geschichte zu erzählen, und einige entschlossene Schnitte hätten dem Film nicht schaden können.

Die Story ist schnell zusammengefaßt: Jackie Brown (Pam Grier, die ein beachtenswertes Comeback hinlegt) ist eine attraktive Mitvierzigerin und Stewardess bei einer mickrigen Luftlinie. Sie schmuggelt regelmäßig für den kleinen Waffenhändler Ordell (Samuel Jackson in seiner neuesten, wieder nicht oscarbelohnten Paraderolle) Schwarzgeld nach Cabo San Lucas und zurück, und wird dabei eines Tages von der Polizei geschnappt. Mit Hilfe des Kautionsbürgen Max gelingt es ihr, Polizei und Ordell gegeneinander auszuspielen und zu guter Letzt den Waffenhändler um einiges ärmer zu machen.

Auffällig ist, wie sehr sich Tarantino sowohl beim Experimentieren mit filmischen Formen, als auch beim Einsatz von Gewalt zurückhält. Da ist beispielsweise der Moment, wenn Ordell seinen Kumpel Louis erschießt: fast mit einer gewissen Pflichtschuldigkeit liefert der Regisseur die Szene ab. Kein bluttriefendes Close-up, wie man das noch aus "Pulp Fiction" in Erinnerung hat, sondern eine Totale, in der man die blutige Hemdbrust de Niros kaum sehen kann. Ebenso schulterzuckend wird das einmalige Auftauchen der altbekannten tarantinoschen Zeitsprünge dargeboten: da wird eine Szene dreimal hintereinander aus verschiedenen Blickwinkeln gezeigt - doch wirkt auch dies mehr wie eine Reminiszenz an vergangene Unkonventionalität, denn wie ein ernsthaft und konsequent eingesetztes Stilmittel.

Mit der Langsamkeit der Darstellung entdeckt Tarantino auch, daß Menschen Gefühle haben: zwischen Jackie und Max entwickelt sich eine zärtliche Romanze, die durch die Reife der Figuren noch an Reiz gewinnt. Pam Grier ist denn auch die erste wirklich tragende, dreidimensionale Frauengestalt in einem Quentin Tarantino Film. Überhaupt ist es erstaunlich, in welcher Breite sich der Film der Ausgestaltung seiner Figuren widmet: wir lernen die Menschen auf der Leinwand wesentlich besser kennen, als das bisher bei Tarantino üblich war. Ob sie es alle wert sind, derart ausführlich dargestellt zu werden, ist freilich eine andere Frage. Denn genau hieran liegt es, daß "Jackie Brown" unbestreitbare Längen hat. Zwar kommt der Dialog, wie gewohnt, häufig wie aus der Maschinenpistole dahergefetzt, und der Soundtrack, ebenfalls gewohnt gut, gibt an anderen Stellen einen etwas soul-volleren Rhythmus vor, der stärker an die dem Film Noir verpflichtete Romanvorlage erinnert. Doch drängt sich einem zwischen dem einen oder anderen Groove der Eindruck auf, daß sich die Geschichte etwas arg zäh weiterentwickelt.

Insgesamt also ein Film, der sich durch die bekannten Tarantino-Merkmale auszeichnet: rasanter, hervorragend geschriebener Dialog, ungewöhnliche, oder ungewöhnlich besetzte (Michael Keaton!) Schauspieler, eine Mischung aus Verbrechen und Humor - ein Film aber auch, der sich zweifellos von der Welle der Tarantino-inspirierten Streifen distanziert und sich voller Verehrung bei den Blaxploitation Filmen der 70er Jahre bedient. Eine Weiterentwicklung für den Regisseur ist das allemal; ob seine Fans den neuen Quentin ebenso lieben, wie den alten, bleibt jedoch abzuwarten. Ich würde mir eine Synthese von alt und neu für den nächsten Film wünschen: die alte Experimentierfreude und Geschwindigkeit, gepaart mit dem neuen Blick für's Menschliche. Wenn ihm das gelänge, hätte Tarantino wirklich einen Anspruch darauf, zu Hollywoods Großen gezählt zu werden.




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