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Kritik: Matrix (1999)


Jesus hat viele Gesichter: Die Comics unserer Zeit sind prall gefüllt mit wundersamen Superhelden, die den Naturgesetzen trotzen und gegen das Böse kämpfen. Zugegeben: Die Sache mit der Kreuzigung nahm seinerzeit kein gutes Ende, der postmoderne "Neo"'-Christus aber feiert auf der Kinoleinwand ein Comeback: Im Science-Fiction-Reißer "Matrix" ist Keanu Reeves - ganz heldenhaft und christusgleich - der auserwählte Retter einer Menschheit, die, ohne es zu wissen, im Paradies der Sklaverei gefangen ist.

Die Welt, in der wir leben ist nämlich nur eine Illusion: Ein ausgefeiltes Computerprogramm, die "Matrix", simuliert für die gesamte Menschheit eine Existenz, die es in Wirklichkeit nicht gibt - tatsächlich dient die Wärme unserer Körper denkenden Maschinen, die seit geraumer Zeit die Welt beherrschen, als Lieferant für Energie. Jedoch: Ein Häuflein Aufständischer setzt sich zur Wehr. Ihr Zufluchtsort heißt "Zion", und der liegt in der Unterwelt.

Nicht aber Orpheus, sondern Morpheus heißt der Anführer der Rebellentruppe, die die Menschheit aus dem falschen Paradies der virtuellen Welt ins gelobte Land der (eigentlich viel schlimmeren) Realität zurückbefördern möchte. In Neo erkennt Morpheus jenen Auserwählten, der den Computercode der Matrix absorbieren und ihren Gesetzen wacker trotzen kann: Der postmoderne Christus unserer Zeit ist ein Computerhacker.

Einen intelligenten Action-Film wollte das Autoren- und Regie-Gespann Larry und Andy Wachowski, zwei Brüder aus Chicago, produzieren - nun finden Kenner weit über 100 Filmzitate in dem für 60-80 Millionen Dollar hauptsächlich in Australien hergestellten Film. Das Ungewöhnlichste daran aber sind nicht die mit 12 000 Bildern pro Sekunde erzeugten Spezialeffekte, sondern das gewagte Unterfangen, Jesus, Karl Marx, Lewis Carrol und den Kulturphilosophen Jean Baudrillard einem computerbegeisterten jugendlichen Kinopublikum als prallen Action-Reißer vorzusetzen.

Daß "Matrix" mit der Bibel kongruiert, ist dabei kaum zu übersehen: Cypher (Joe Pantoliano) ist der Judas unter den Rebellen - er hat genug vom tristen Leben in der Freiheit und will zurück ins virtuelle Wunderland. In Laurence Fishburns Morpheus ist Johannes der Täufer wiederzuerkennen, und Neos Freundin Trinity geht als Maria Magdalena durch.

Die eigentliche Bibel der Wachowskis aber kommt aus Frankreich: "Simulation und Verführung" heißt Jean Baudrillards 1994 erschienenes Epos über Hyperrealität, Theologie und Terrorismus - in einer Szene ist das Buch sogar im Bild, aufgeschlagen beim Kapitel "Nihilismus".

Was also ist die Matrix? Für die Wachowskis ist sie Opium fürs Volk, denn das ist, ohne es zu merken, eingelullt im falschen Bewußtsein einer simulierten Existenz. Neo entkommt mit Morpheus' Hilfe dieser durchaus angenehmen Form der Sklaverei, um schließlich zu erkennen, daß in der Matrix - unserer scheinbaren Welt - die Gesetze der Physik nur soweit gelten, wie man den Code der ihr zugrundeliegenden Software ändert.

Das virtuose Spiel mit Stil, Effekten und dem Faktor Zeit macht diesen Film zu einem eleganten, visuell beeindruckenden und artistisch spektakulären Stück Jugendkino, dessen perfekt inszenierte Action - und Gewaltsequenzen einen gleichermaßen begeistern wie verstören: Die Welt, wie wir sie kennen ist halt nur ein großes Videospiel mit Sex und Crime und Rock 'n' Roll - kollaterale Schäden fallen da nicht wirklich ins Gewicht.




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