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Magical History Tour

Stimme, Sprache, Sprechen im Film

(Pressemitteilung) 1. bis 30. September 2011 im Kino Arsenal: Zum zweiten Mal widmen wir unsere Magical History Tour dem Thema Stimme, Sprache und Sprechen im Film.

Nicht allein die akustische Beschaffenheit, die Klangfarbe der Schauspielerstimmen und ihre vermeintlich „stimmige“ Einheit mit dem Filmbild verweisen auf die Macht der Stimme im Kino, sondern gerade auch solche Momente, in denen sich Stimmen und Sprache den Bildern widersetzen, beide Elemente auseinanderlaufen und sich voneinander lösen. In vielen der im Folgenden präsentierten Filme wird das formale Spannungsverhältnis zum Grundbaustein und Ausgangspunkt des Plots. Doch auch das Spiel mit der Sprache, die Lust am Sprechen, den exzessiven Einsatz, die besondere Stilisierung, die Konfrontation von Sprachebenen und -stilen wollen wir anhand einiger Beispiele aufzeigen. Durch das bewusste Abrücken von normierten Sprachmustern und das Erzeugen von neuen Sprach- und Stimmlandschaften eröffnen die zehn Filme unseres Programms nicht nur neue Identifikationsmöglichkeiten und Bedeutungsachsen, sondern markieren Verbalität als eigenständiges künstlerisches Ausdrucksmittel, welches weit über seine Funktion als Vehikel eines Textes hinausgeht.

Poto and Cabengo
Do 1.9., 20h, Mi 7.9. & Mo 12.9., 19.30h
Der Film handelt von den Mädchen Gracie und Ginny Kennedy, Zwillingsschwestern aus San Diego, Kalifornien, die in den 70er Jahren öffentliches Aufsehen erregten, als sie eine eigene Sprache entwickelten. Dem Unbehagen, das diese geschlossene, von der Umwelt abgekoppelte Sprachgemeinschaft bei Fachleuten ebenso wie in der breiten Öffentlichkeit hervorrief, begegnete man mit einem groß angelegten therapeutischen Eingriff, als dessen Resultat nur die sprachliche und damit soziale Wiedereingliederung der Mädchen gelten konnte. Jean-Pierre Gorin fokussiert in seinem Film die sozialen und politischen Dimensionen von Sprache und Kommunikation, indem er das aufgebauschte Medieninteresse an den Mädchen genauso untersucht wie die Umstände, unter denen das Zwillingspaar aufwuchs.

Die Ferien des Monsieur Hulot
So 4., So 11., So 18. & So 25.9., 16h
Monsieur Hulot, ein liebenswerter Herr, verbringt seine Ferien in einem Badeort und verursacht in aller Unschuld um sich herum ein Chaos, vor allem, wenn er hilfreich sein will. Tati arbeitete beim Ton mit einem komplexen Geflecht aus verschiedenartigsten Einfällen, musikalischen Späßen und witzigen Geräuscheffekten. Die wenigen Dialoge spielen nur eine geringe Rolle, die zumeist unverständlichen Sprachfetzen werden als Akzentgeräusche eingesetzt. Monsieur Hulot spricht im ganzen Film nur ein Wort: „Hulot“. Tatis Kino hat seine Vorbilder in der Stummfilmzeit, Hulot ist ein moderner Nachfolger von Charlie Chaplins Tramp, der sich durch Mimik und Gebärden mitteilt. Tati erfand damit die adäquate Tonspur zum Stummfilm. „Tati knüpft an dem Punkt an, an dem wir vor 40 Jahren stehengeblieben sind.“ (Buster Keaton)

Petits Frères
Di 6.9. & Mi 21.9., 19.30h
Die 13-jährige Talia flieht vor ihrem Stiefvater, der ihre kleine Schwester missbraucht. Mit ihrem zahmen Pitbull trifft sie in einem ghettoartigen Pariser Vorort auf gleichaltrige Immigrantenkinder und freundet sich mit ihnen an. Heimlich stehlen diese jedoch Talias Hund, um ihn den großen Brüdern für ihre Kampfhundwettkämpfe zu verkaufen. Talia ist verzweifelt und dennoch kämpferisch, und diese Mischung berührt die „kleinen Brüder“, die nun versuchen, alles wiedergutzumachen. Konstitutiv für das Kino von Jacques Doillon sind die Dialoge und das Sprechen im Film generell. Die Verwendung des rhythmisch aggressiven Vorortslangs der Pariser Banlieue gibt PETITS FRÈRES eine verstärkte soziale Komponente.

Der Wolfsjunge
Fr 9.9., 20h & Do 15.9., 19.30h
Der Film schildert einen historischen Fall: 1797 wird bei Aveyron ein etwa zwölfjähriger Junge aufgegriffen, der offenbar seit Jahren im Wald gelebt hat und nur unartikulierte Laute ausstößt. Truffauts Drehbuch stützt sich getreu auf den 1806 veröffentlichten Bericht des jungen Doktor Itard, der sich des Jungen annahm. Itard war, anders als seine Arztkollegen, der Meinung, der Junge sei nur durch mangelnden sozialen Kontakt und die geringen kommunikativen Fähigkeiten zurückgeblieben. Truffaut, der zum ersten Mal eine Hauptrolle als Darsteller übernahm, zeigt die peniblen, manchmal schmerzhaften Schritte, die Itard unternimmt, um dem Jungen das Sprechen beizubringen.

Meine Nacht bei Maud
Sa 10.9., 20h & Di 20.9., 19.30h
Winter in Clermont-Ferrand: Der Ich-Erzähler (Jean-Louis Trintignant), ein Ingenieur und gläubiger Katholik, hat sich bei einem Gottesdienst eine schöne Frau zum Heiraten ausgesucht. Ein alter Freund, marxistischer Philosophieprofessor, macht ihn mit der attraktiven, geschiedenen Ärztin Maud, einer emanzipierten Frau, bekannt. Witterungsbedingt verbringt er die Nacht bei ihr. Es entspinnt sich eine lange Debatte über Liebe, Treue, Ehe, Monogamie, Moral, Religion und Blaise Pascal. Die Dialoge sind, wie immer bei Rohmer, wesentliches Element der Szenerie, das Nachdenken über Gefühle, Lebensentwürfe, Enttäuschungen und Sehnsüchte wird stets ausformuliert.

Pastorali
So 11. & 19.9., 19.30h
Ein Musiker-Quartett, das aus der Stadt gekommen ist, installiert sich im Sommer in einem Dorf, und die Kinder der Familie, die ihnen einige Zimmer im Obergeschoss vermietet hat, sind sehr von diesen Besuchern angezogen. Aber diese Geschichte wird nicht auf der Leinwand entfaltet: Iosseliani erzählt sie, ohne den Anschein des Erzählens zu erwecken, multipliziert sie und fügt unendlich viele Anfänge neuer Geschichten ein. Tausend Details sind auf diese Art zu entdecken, mit Tierstimmen an Stelle von Dialogen und geduldigen, beinahe stummen Sequenzen der Charaktere beim täglichen Arbeiten an Stelle von treibender Handlung. „Wie in den schönsten Stummfilmen regiert das Kino und beweist sein Genie in der poetischen Schilderung der Welt.“ (Claire Devarrieux)

Beeswax
Di 13.9., 19.30h & Fr 16.9., 20h
Jeannie und Lauren sind Zwillingsschwestern und wohnen zusammen. Jeannie betreibt einen Secondhand-Laden. Sie fürchtet, dass ihre Teilhaberin eine Klage gegen sie anstrebt und sucht deshalb Rat bei ihrem Ex-Freund, der gerade sein Jurastudium abschließt. Lauren ist auf der Suche – nach einem Job und nach einem festen Freund. Andrew Bujalskis dritter Film zeigt junge Leute beim Abschied von der Unverbindlichkeit. Bujalski ist einer der Protagonisten der Mumblecore-Bewegung, US-amerikanischer Low-Budget-Produktionen, geprägt durch improvisierende Laiendarsteller, Dialoglastigkeit und eine entdramatisierte Abbildung des Alltags.

Agatha et les lectures illimitées
Mi 14.9., 20h & Mo 26.9., 19.30h
Marguerite Duras erzählt aus dem Off die Geschichte einer inzestuösen Geschwisterbeziehung. Bruder und Schwester treffen sich nach Jahren im Haus ihrer Kindheit und Jugend wieder, um endgültig Abschied voneinander zu nehmen. „Ich sehe den Film als eine Unterstützung des Geschriebenen. Anstatt auf weißem Papier zu schreiben, schreibt man auf Bilder. Man spricht, und dann setzt man das Gesprochene auf das Bild.“ (Marguerite Duras)

Die Mama und die Hure
Sa 17.9. & Fr 23.9., 20h
Alexandre (Jean-Pierre Léaud), ein junger Mann, der keinem Beruf nachgeht, lebt mit Marie (Bernadette Lafont) zusammen, kann jedoch seine frühere Geliebte nicht vergessen und versucht, sie durch einen Heiratsantrag zurückzugewinnen. Kurz darauf lernt Alexandre Véronika kennen und er lässt sich auf ein Dreiecksverhältnis ein, das in einen Selbstmordversuch Maries mündet. Jean Eustaches Studie über drei Personen, den Mikrokosmos Paris-St.-Germain-des-Prés und die ganze französische Gesellschaft nach dem Trauma des Mai 68 ist nicht nur ein Film, in dem sehr viel gesprochen wird, der Sprachgebrauch ist auch wichtiges Gesprächsthema der Protagonisten.

Ninotschka
Do 22.9., 20h, Do 29.9. 19.30h & Fr 30.9., 20h
Greta Garbo als schöne, aber kühle Sowjet-Funktionärin wird nach Paris entsendet, in eine Stadt, in der die Frauen komische Hüte tragen, um die dubiosen Aktivitäten dreier Delegierter zu überprüfen, und taut langsam auf – angesichts des bourgeoisen Charmes der Stadt und des stilvollen Kapitalisten Graf Léon d’Algout … „Garbo laughs!“, verkündete die Werbezeile 1939. NINOTCHKA ist ein exemplarisches Beispiel für Hollywoods Screwball-Comedy der 30er Jahre, das sich durch hohe Dialoglastigkeit und seinen Wortwitz auszeichnet.



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