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Café Togo mit Yugen Yah
Café Togo mit Yugen Yah
© Musquiqui Chihying und Gregor Kasper

Berlinale 13. Forum Expanded komplettiert Programm

Musik, Avantgarde und Underground

Die Programmauswahl für das 13. Forum Expanded auf der Berlinale, das am 14. Februar unter dem Titel "A Mechanism Capable of Changing Itself" in der Akademie der Künste am Hanseatenweg eröffnet wird, ist abgeschlossen. Zu den ausgewählten Arbeiten gehören insgesamt 34 Filme und Videoarbeiten aller Längen und Genres sowie 15 Installationen aus insgesamt 27 Ländern.

Das Programm umfasst auch in diesem Jahr eine breite Vielfalt an Arbeiten, die mit dokumentarischen Mitteln die Möglichkeiten des Kinos, aber auch der Musik erforschen und einsetzen, um fragend, aufzeigend, analysierend oder verändernd in das gesellschaftliche und politische Weltgeschehen einzugreifen. Dabei erweitern sie nicht zuletzt auch den Begriff des Dokumentarischen selbst.

Der Titel der Arbeit "6144 X 1024" von Margaret Honda erinnert an James Benning's "11 x 14" aus dem Jahre 1977. "6144 X 1024" fächert das gesamte Darstellungsspektrum eines digitalen Projektors in einer computergenerierten Vorführung auf. Der über 36 Stunden dauernde Prozess entfaltet sich über den Festivalzeitraum täglich für einige Stunden im kleinen Saal des Kino Arsenal. Honda's Arbeit macht - wie die von Benning - die Form zum Inhalt. Damit wirkt sie fast paradigmatisch für die Anforderungen, die heute wieder an das Kino gestellt werden. Ging es Benning jedoch in erster Linie um eine neue Sprache des Kinos, so sind es heute die veränderten Raum-, Zeit- und Machtverhältnisse sowie neue Bezugssysteme in der Realität, die strukturgebend für das filmische Arbeiten sind.

Die daraus erwachsene Notwendigkeit alternativer Geschichtsschreibung zeigt sich in vielen Arbeiten des Programms: Kudzanai Chiurai nimmt für seinen Film "We Live in Silence: Chapters 1-7" Med Hondo's Filmklassiker "Soleil Ô" zum Ausgangspunkt, um historische Narrative und Zukunftsentwürfe zu inszenieren, die sich der Annahme widersetzen, afrikanische Migranten müssten denken, sprechen und Sprache verstehen wie die ehemaligen Kolonialisten. Alternative Geschichtsschreibung strukturiert auch die Dia-Installation "High Dam" von Ala Younis, die sich mit zwei Filmen des ägyptischen Regisseurs Youssef Chahine befasst, die dieser in den sechziger und siebziger Jahren über den Assuan-Staudamm gedreht hat. Die Arbeit bietet Einblick in die Politik dieser Zeit und Chahine's Versuche, die Zensur zu umgehen.

Die Installation "Café Togo" von Musquiqui Chihying und Gregor Kasper nimmt das Engagement für die Umbenennung von Straßen mit kolonialer Konnotation im sogenannten Afrikanischen Viertel in Berlin-Wedding in den Blick und folgt den Visionen einer multidimensionalen Erinnerungspolitik des Schwarzen Aktivisten Abdel Amine Mohammed. Ebenfalls in Berlin situiert ist die Installation "Namibia Today" von Laura Horelli. Sieben Personen erzählen sich in einem U-Bahnhof im ehemaligen Ost-Berlin die Geschichte der Zeitschrift "Namibia Today", die zwischen 1980 und 1985 in der DDR gedruckt wurde.

Zach Blas ließ für den Film "Contra-Internet: Jubilee 2033" von Derek Jarman's queerem Punkwerk "Jubilee" aus dem Jahr 1978 inspirieren. Blas schickt Philosophin Ayn Rand und Wirtschaftswissenschaftler Alan Greenspan auf einen Drogentrip in das Jahr 1955, von wo aus sie Zeuge des Endes des Internets im Jahre 2033 werden. Das Internet, wie wir es heute kennen, nimmt Chris Kennedy in "Watching the Detectives" kritisch in Augenschein, wenn er die Versuche von Amateurdetektiven nachzeichnet, den Anschlag beim Boston Marathon zu rekonstruieren.

Im Marshall McLuhan Salon der Botschaft von Kanada präsentiert das Forum Expanded ab dem 15. Februar eine Installation des Künstlerinnen-Duos Bambitchell, die Überwachung als ästhetische Praxis untersucht. Der Titel "Special Works School" bezieht sich dabei auf den Decknamen, den das britische Kriegsministerium zwischen 1917 und 1919 für Künstler verwendet hat, die mit Camouflage-Entwürfen beauftragt waren. SAVVY Contemporary eröffnet am 13. Februar eine Ausstellung der Künstlerin und Filmemacherin Jasmina Metwaly. "We Are Not Worried in the Least" konfrontiert das Publikum mit Bildern aus dem Filmarchiv der Künstlerin, das von 2011 bis 2016 in Ägypten entstand. Die bewegte politische und soziale Landschaft Ägyptens während dieses Zeitraums bildet den historischen Hintergrund zu den Bildern.

Eine Reihe von Arbeiten verbinden Film und Musik als gleichwertige und sich gegenseitig bedingende Bestandteile gesellschaftlicher und künstlerischer Bewegungen. "The Third Part of the Third Measure", eine audiovisuelle Komposition von The Otolith Group, die in der Gruppenausstellung zu sehen und zu hören ist, inszeniert eine Begegnung mit dem militanten Minimalismus des Avantgarde-Komponisten Julius Eastman. Sie lädt die Betrachter ein, in die ekstatische Ästhetik des "black radicalism" einzutauchen, die Eastman selbst als "voll von Ehre, Integrität und unendlichem Mut" beschreibt.

Andreas Reihse, bekannt durch die Band Kreidler, hat gemeinsam mit dem Künstler und Autor Mohamed A. Gawad und der Filmemacherin und Autorin Dalia Neis, auch bekannt als Dice Miller unter dem Titel "Celluloid Corridors" zwei Audioessays komponiert, die als Kinoereignis zur Aufführung kommen. Morgan Fisher, einer der bekanntesten Vertreter des strukturellen Kinos, präsentiert mit dem Film "Another Movie" eine Replik auf Bruce Conner's Klassiker des Found-Footage-Films "A Movie" aus dem Jahr 1958. Er beruft sich auf die fast automatisch eintretenden Bildassoziationen zu Ottorino Respighi's Komposition "Pini di Roma", die durch die Erinnerung an diesen Film hervorgerufen werden.

Mit James Benning, dessen Installation "L. Cohen" in der Ausstellung zu sehen ist, sowie Barbara Hammer und Ken Jacobs sind drei weitere Vertreter der in den Siebzigern entstandenen nordamerikanischen Avantgarde- und Underground-Szene mit neuen Arbeiten dabei. Ebenfalls zum wiederholten Mal sind Heinz Emigholz und Ben Russell - diesmal gemeinsam mit Ben Rivers - im Forum Expanded-Programm vertreten.

Im silent green Kulturquartier präsentiert das Forum Expanded ein Konzert der ägyptischen Band The Invisible Hands, die Alan Bishop 2011 in Kairo mitbegründete. Sie ist Thema des gleichnamigen Dokumentarfilms von Marina Gioti und Georges Salameh, der erstmalig bei der documenta 14 in Athen zu sehen war. Zwei weitere Dokumentarfilme widmen sich Ikonen des Undergrounds: In "Eu sou o Rio" porträtieren Gabraz Sanna und Anne Santos den brasilianischen Künstler und Musiker Tantão und mit ihm die Stadt Rio. Jerry Tartaglia kombiniert in "Escape From Rented Island: The Lost Paradise of Jack Smith" die glamourösen Bilderwelten des 1989 verstorbenen Performers und Filmemachers mit Musik aus dessen idiosynkratischer Plattensammlung.

"Think Film No. 6 – Archival Constellations", ein internationales Symposium zu filmarchivarischen Themen und alternativen Archivprojekten, findet am 22. Februar im silent green Kulturquartier im Wedding statt. Zu den Gästen zählen Archive und Projekte aus Nigeria, Ägypten, Palästina, Mexiko, Japan und Indien. Das Arsenal-Foyer, in dem b_books Literatur anbietet, wird während des Festivals wieder von den Prinzessinnengärten gestaltet.


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