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MS Slavic 7 - Deragh Campbell
MS Slavic 7 - Deragh Campbell
© Lisa Pictures

Berlinale 2019 Forum: Risiko statt Perfektion

Filme, die Wagnisse eingehen

Zum 49. Mal veranstaltet das Arsenal – Institut für Film und Videokunst im Rahmen der Berlinale das Forum. Das Hauptprogramm umfasst in diesem Jahr 39 Filme, darunter 31 Weltpremieren. Die diesjährigen Special Screenings werden unter dem Titel "Archival Constellations" in einer weiteren Pressemitteilung bekannt gegeben.

Das Hauptprogramm des Forums 2019 versteht sich nicht als Bestenliste, sondern versammelt Filme, die Wagnisse eingehen, Haltung zeigen und keine Kompromisse machen. Einige schauen zurück auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts, andere widmen sich dem, was kommen wird – und sind dabei doch gegenwärtig. Zahlreiche Filme der Auswahl gehen vom geschriebenen Wort aus. Sie beziehen sich auf Literatur oder arbeiten mit Briefen, Gedichten und anderen Schriften.

Aus Elfriede Jelinek's Gespensterroman "Die Kinder der Toten" wird in der Bearbeitung durch Kelly Copper und Pavol Liska vom Nature Theater of Oklahoma der Super-8-Stummfilm Die Kinder der Toten, in dem Doppelgängerinnen, Untote, eine Nazi-Witwe, ein suizidaler Förster und eine syrische Dichterfamilie durch die Steiermark geistern – ein Heimatfilm mit Blasmusik und Home Movie Horror zugleich.

Beinahe klassisch wirkt im Vergleich dazu Rita Azevedo Gomes' "A portuguesa", die Verfilmung einer Novelle von Robert Musil mit prächtigen Kostümen und opulenten Bildern. Für Brüche in der Geschichte über die Emanzipation einer jungen Frau aus ihrer Einsamkeit sorgt Ingrid Caven als Bänkelsängerin.

Eine buchstäbliche Re-Lektüre von Ronald M. Schernikau's "So schön" – schwarzer Leineneinband, rosafarbener Buchtitel – unternimmt Jessie Jeffrey Dunn Rovinelli mit "So Pretty", indem sie Alltag und politische Aktivitäten der West-Berliner Schwulenszene der Achtziger in eine queere WG im heutigen New York überträgt und dort neu verhandelt, wie sich Liebe und Zusammensein organisieren lassen.

Auch in "The Plagiarists" von Peter Parlow taucht das Objekt Buch auf, hier ein Band aus dem Romanzyklus "My Struggle" von Karl Ove Knausgård. Nach einem Besäufnis auf dem Land macht sich ein junges Paar – er Möchtegern-Regisseur, sie Möchtegern-Schriftstellerin – ausgesprochen wortreich Gedanken, was genau an dem Abend eigentlich vor sich ging. Das doppelbödige Werk lässt Film und Literatur gegeneinander antreten: Are books better than films?

Literarische Bezüge gibt es auch in "A rosa azul de Novalis", einer dokumentarischen Inszenierung von Gustavo Vinagre und Rodrigo Carneiro, bei der die Wohnung des 40-jährigen, HIV-positiven Marcelo in São Paulo zur Bühne seines Lebens wird. Seine engsten Vertrauten scheinen Bücher zu sein, besonders Novalis' Romanfragment "Heinrich von Ofterdingen", aus dem er splitternackt und in ungewöhnlicher Leseposition vorträgt.

Mit der Großaufnahme eines Gedichts beginnt "MS Slavic 7" von Sofia Bohdanowicz und Deragh Campbell, der die Recherche einer Frau zum literarischen Nachlass und den Briefen ihrer Urgroßmutter zeigt, einer polnischen Dichterin, die nach Kanada emigrierte: Ein Spielfilm über die Sinnlichkeit von Schriften, ihre Beschaffenheit und Botschaft – mit dem Titel einer Bibliothekssignatur.

Entlang der Briefe Rosa Luxemburgs aus dem Gefängnis wiederum konstruiert Ghassan Salhab seine essayistische Collage "Une rose ouverte". Luxemburg's lyrische Beschreibungen der Natur, die der politischen Lage zum Trotz von Lebensfreude zeugen, sind nicht zu sehen, sondern zu hören – in deutscher und in arabischer Sprache. Verbunden mit Bildern aus dem winterlichen Berlin entsteht eine Polyphonie sich visuell und akustisch überlagernder Schichten.

Der Berliner Dokumentarist Thomas Heise kehrt mit seinem neuen Film "Heimat ist ein Raum aus Zeit" ins Forum zurück. Auch hier sind Briefe ein zentrales Element. Anhand von Korrespondenzen, Tagebucheinträgen und vielen anderen Dokumenten zeichnet er seine eigene Familiengeschichte über vier Generationen zwischen Wien und (Ost-)Berlin nach. Zugleich erzählt er dabei nicht weniger als die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert.

Jean-Gabriel Périot rollt ebenfalls Vergangenheit neu auf: In "Nos défaites" reinszeniert er mit Jugendlichen aus einem Gymnasium in Ivry-sur-Seine Momente des Streiks, Widerstands und Arbeitskampfs aus Filmen über den Mai 1968. Auf die Performance folgt die Reflexion: In Befragungen zu ihren Rollen zeigt sich die Sicht der jungen Generation auf Politik und politisches Kino.

Ein weiterer bekannter Dokumentarfilmer ist mit seiner neuen Arbeit zum wiederholten Mal im Forum vertreten: Nikolaus Geyrhalter zeigt in "Erde an sieben Orten" – von Sacramento in Kalifornien bis zur Asse in Wolfenbüttel – wie der Mensch im Zeitalter des Anthropozän Berge versetzt und das Erdreich und in der Folge den Planeten mit Gewalt umgestaltet.

Um die ökologische Bewirtschaftung der Erde und die Kämpfe von Landarbeitern ohne Boden geht es in Camila Freita's Debut "Chão", einem Beitrag aus Brasilien. Seit 2015 halten sie Teile eines Grundstücks besetzt und fordern eine Umverteilung des Landes. Mit eindrucksvollen Bildern gibt dieses Dokument eines Lebens im Widerstand Einblick in den Alltag zwischen Landarbeit und politischem Aktivismus.

Im ländlichen Brasilien ist auch der Spielfilm "Querência" von Helvécio Marins Jr. angesiedelt. Nach einem Überfall gibt Marcelo seinen Job als Cowboy auf. Als Ansager bei Rodeo-Shows findet er aus seiner Melancholie heraus und zu neuem Leben. Eine spezifische Kultur und Stimmung in der brasilianischen Pampa, deren Bevölkerung sich abgehängt fühlt, tritt zutage.

Noch einen Schwerpunkt des diesjährigen Programms bilden drei essayistische Auseinandersetzungen mit dem afrikanischen Kontinent. Der ausschließlich aus Archivmaterial bestehende "African Mirror" von Mischa Hedinger macht anhand eines reichhaltigen Fundus an Dokumenten sichtbar, wie der Schweizer Filmemacher und Reiseschriftsteller René Gardi ab den fünfziger Jahren das Afrika-Bild einer ganzen Generation prägte. Der Film arbeitet nicht nur Gardi's koloniale Denkfiguren heraus, sondern bietet sich auch als Reflexion heutiger Projektionen auf Afrika an.

Mit einem Blick in den Spiegel endet Lemohang Jeremiah Mosese's "Mother, I Am Suffocating. This Is My Last Film About You.", ein Abgesang des exilierten Regisseurs auf seine Heimat Lesotho. Mit mystisch-schönen Bildern in Schwarzweiß und einer rauen Off-Stimme wird die Chronik einer sich radikalisierenden Trauer nacherzählt, die sich vom persönlichen Abschied von der Mutter zur politisch bewussten Lossagung vom Mutterland steigert – ein ungewöhnliches Lamento zu einer afrikanischen Migrationsgeschichte.

In "Serpentário" von Carlos Conceição lässt sich ein junger Mann auf der Suche nach dem Geist seiner Mutter durch eine menschenleere afrikanische Landschaft treiben – eine fulminante Reise zwischen Zukunft und Vergangenheit, die Anleihen bei verschiedenen Filmgenres macht.


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