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The Second Journey (To Uluru)
The Second Journey (To Uluru)
© Corinne und Arthur Cantrill

Berlinale 2019: Forum und Forum Expanded präsentieren Archival Constellations

Filmgeschichte neu erlebt

Es gehörte immer zur Programmatik des Berlinale Forums, Filmgeschichte aus der Perspektive des Gegenwartskinos zu betrachten. Lebendige Archivarbeit schafft Neues.

Immer mehr Filme werden digitalisiert und restauriert. Dadurch wird es nicht nur möglich, signifikante Momente des Kinos wieder in Erinnerung zu rufen, sondern auch bestehende Filmgeschichtsnarrative in einer Gegenwart zu überprüfen, die von Transmedialität und Globalisierung geprägt ist. Die Überschrift "Archival Constellations" ist Ausdruck des Wechselverhältnisses zwischen alt und neu, und verweist auf Kooperationen und Solidargemeinschaften in einem Prozess, in dem durch Digitalisierung Filmgeschichte umgeschrieben wird.

Callisto McNulty porträtiert mit ihrem Film "Delphine et Carole, insoumuses" die Filmemacherin Carole Roussopoulos und die Schauspielerin Delphine Seyrig, die in den Siebzigern und Achtzigern die neue Video-Technik nutzten, um an der Seite der Frauenbewegung zu kämpfen. Ergänzend dazu laufen "Sois belle et tais-toi!" aus dem Jahr 1976, in dem Delphine Seyrig 24 französische und US-amerikanische Schauspielerinnen zu ihren Erfahrungen als Frauen im Filmgeschäft interviewt, sowie "Maso et Miso vont en bateau" von 1975 des feministischen Kollektivs "Les Insoumuses" zusammen mit "S.C.U.M. Manifesto 1967" aus dem Jahr 1976, ebenfalls von Roussopoulos und Seyrig, der eine Lesung von Valerie Solanas' gleichnamigem Manifest inszeniert.

Mariam Ghani widmet ihren Dokumentarfilm "What We Left Unfinished" fünf unvollendeten Filmen, die zwischen 1978 und 1992 im Wechsel der verschiedenen kommunistischen Regime in Afghanistan entstanden sind, als eine hohe Produktivität Zensur und Propaganda gegenüberstand. Zusätzlich wird einer der populärsten afghanischen Filme, der jedes Jahr zum Opferfest ausgestrahlt wird, gezeigt: "Hamas-e eshq" aus dem Jahr 1984 von Latif Ahmadi ist ein historisches Epos über die Fehde zwischen zwei Familien. Der Spielfilm "Baba" von Juwansher Haidary aus dem Jahr 1989 läuft zusammen mit dem aus Nachrichtenfilm-Material bestehenden "Khan-e tarikh" aus dem Jahr 1996 von Qader Tahiti.

Viele Filme aus der Geschichte des Forums waren Teil einer Gegenbewegung, sie wollten ästhetische, gesellschaftliche oder politische Veränderung. Mit diesem Bestreben haben sie nicht nur das Forum geprägt, sondern auch die Kinolandschaft. Fünf dieser Filme wurden in den vergangenen Monaten restauriert und gelangen nun zur Wiederaufführung.

Zwei Dokumentarfilme aus dem Forums-Jahr 1982 befassen sich mit Unterdrückung und Verdrängung indigenen Lebens: Als zentrales Werk des politischen Kinos gilt "Nuestra voz de tierra, memoria y futuro" von Marta Rodríguez und Jorge Silva aus Kolumbien im Jahr 1981. "The Second Journey (To Uluru)" aus dem Jahr 1981 von Arthur und Corinne Cantrill ist eine experimentelle Annäherung an einen gewaltigen Sandsteinmonolithen im Herzen Australiens, Heiligtum der lokalen Indigenen.

1984 sorgte ein feministischer Noir, gedreht auf körnigem 16-mm-Film, für Gesprächsstoff. "Variety" von Bette Gordon aus dem Jahr 1983 kommt jetzt als 35-mm-Kopie zur Wiederaufführung. Das Drehbuch dazu schrieb Kathy Acker. Unvergesslich ist auch Derek Jarman's "The Garden" von 1990, eine zwischen Horror und Humor changierende Version der Passion Christi.

Spätestens seit der Uraufführung von Béla Tarr's siebeneinhalbstündigem "Sátántangó" aus dem Jahr 1994 ist das Forum dafür bekannt, dass es keine Filmlänge scheut. In regenverhangenen Schwarz-Weiß-Bildern schrieb Tarr mit seinem Opus Magnum Filmgeschichte.

In "De quelques événements sans signification" von Mostafa Derkaoui aus dem Jahr 1974 befragt eine Gruppe Filmemacher die Bevölkerung nach ihren Erwartungen an das marokkanische Kino. 45 Jahre nach seiner Fertigstellung wurde der damals zensierte Film nun restauriert. Der 1983 entstandene und von Milestone restaurierte Dokumentarfilm "Say Amen, Somebody" von George T. Nierenberg porträtiert die Pioniere der US-amerikanischen Gospelszene Willie Mae Ford Smith und Thomas A. Dorsey. Ruchir Joshi dokumentiert in "Egaro Mile" Tradition und Gegenwart einiger Baul-Sänger im bengalischsprachigen Indien und Bangladesch.

Der indische Schriftsteller Ruchir Joshi drehte 1993 "Tales from Planet Kolkata", ein persönliches Portrait der Stadt Kalkutta aus der Sicht des Kinos. Zwei weitere Restaurierungen aus Indien stammen von Yugantar, Indiens erstem feministischen Filmkollektiv, das 1980 gegründet wurde. In einer Zeit radikaler politischer Umbrüche schufen Yugantar unter anderem einen Film mit Fabrikarbeiterinnen, "Tambaku Chaakila Oob Ali" im Jahr 1982 und einen zu häuslicher Gewalt, "Idhi Katha Matramena" im Jahr 1983.

Im April 1989 gründeten die Filmemacher Suliman Elnour, Eltayeb Mahdi und Ibrahim Shaddad die Sudanese Film Group (SFG). Bereits am 30. Juni 1989 beendete ein Putsch jegliche kulturellen Bestrebungen. Erst 2005 konnte sich die SFG erneut registrieren. Forum Expanded präsentiert sechs ihrer Kurzfilme, darunter "Al Mahatta" von 1989, der auch im Programm der Berlinale Shorts zu sehen ist, und "Jagdpartie" aus dem Jahr 1964 von Ibrahim Shaddad, damals Student an der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg, der im Look eines Westerns von einer Jagd auf einen Schwarzen im Brandenburger Wald erzählt.

Harun Farocki's grundlegende Videoinstallation "Zur Bauweise des Films bei Griffith", in der er sich mit der Montage-Technik Schuss-Gegenschuss befasst, war 2006 beim ersten Forum Expanded zu sehen und wird nun zur Eröffnung der Betonhalle, einem neuen Ausstellungsort im silent green Kulturquartier, erneut gezeigt.

Auch in diesem Jahr findet wieder ein Symposium statt, das sich unerschlossenen, vergessenen oder prekären Filmarchiven sowie Archivprojekten widmet. Die Gäste sind SAVVY Contemporary, die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, Film Feld Forschung, Harun Farocki Institut, Pong Film GmbH, Didi Cheeka, Maged Nader, Sonia Campanini, Edmund Peters, Natasha Ginwala, Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, Ritu Sarin, Tenzing Sonam, Abha Bhaiya, Deepa Dhanraj, Nicole Wolf, Deborah Stratman, Nanna Heidenreich, Talal Afifi, Eiman Hussein, Haytham El-Wardany, Tamer El Said, Ayreen Anastas und Rene Gabri.

Think Film No. 7 findet unter dem Dach des Arsenal-Projekts "Archive außer sich" statt, das sich als kollaborative Serie von interdisziplinär angelegten Forschungs-, Veranstaltungs- und Ausstellungsprojekten mit dem filmkulturellen Erbe und seinen Archiven beschäftigt. "Archive außer sich" ist ein Projekt in Kooperation mit dem Haus der Kulturen der Welt im Rahmen von "Das Neue Alphabet".

In diesem Zusammenhang entstand auch die Ausstellung "Shadow Circus" bei SAVVY Contemporary: Ritu Sarin und Tenzing Sonam präsentieren eine neue Fassung ihres von der BBC in Auftrag gegebenen Dokumentarfilms "The Shadow Circus: The CIA in Tibet" aus dem Jahr 1998 zusammen mit einem Archiv audiovisueller Dokumente. Natasha Ginwala und Bonaventure Soh Bejeng Ndikung haben die Ausstellung kuratiert.


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