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Hired Wife - Rosalind Russell und Brian Aherne
Hired Wife - Rosalind Russell und Brian Aherne
© Universal Pictures International

Berlinale Retrospektive 2021: "No Angels"

Klassiker mit Mae West, Rosalind Russell und Carole Lombard

Für die Retrospektive auf der diesjährigen Berlinale mit dem Titel "No Angels – Mae West, Rosalind Russell & Carole Lombard" hat die Auswahlkommission unter Leitung von Rainer Rother ein Programm aus 27 Komödien der drei US-Schauspielerinnen zusammen gestellt.

Bei der Filmauswahl standen die strengen Regeln für Komikerinnen in den Hollywood-Studios unter dem Hays Code im Fokus. Mit dem 1930 offiziell als Motion Picture Production Code eingeführten Regelwerk unterwarf sich Hollywood ab 1934 einer freiwilligen Selbstkontrolle hinsichtlich "moralisch bedenklicher" Inhalte, um eine staatliche und möglicherweise restriktive US-amerikanische Filmzensur zu verhindern. Doch schon bald verselbständigte sich das Hays Office selbst zu einer Art Zensurbehörde. Der Code erlaubte unter anderem keine eindeutigen Darstellungen von Erotik, Sexualität und Promiskuität. Trotzdem schafften es die drei Frauen in jener Zeit, ihre Rollen selbst zu gestalten, ihren eigenen Stil zu finden und sich auf eigene Art gegen das Studiosystem zu behaupten und die Regeln des Hays Code zu unterwandern.

Die allesamt US-amerikanischen Produktionen im Programm der Retrospektive 2021 entstanden in den Jahren 1932 bis 1943, zur Blütezeit der Screwball Comedy. Sie zeichnen sich durch rasantes Tempo und reichlich Wortwitz aus. Dabei spielten für die Filmauswahl sowohl filmhistorische als auch biographische Kriterien eine Rolle: Mae West's Debutfilm "Night After Night" von Archie Mayo aus dem Jahr 1932 bildet den Auftakt der Reihe; mit dem frühen Tod Carole Lombards im Jahr 1942 neigt sich zugleich auch die Screwball Comedy ihrem Ende zu. Diese äußerst erfolgreiche Ära in der Geschichte Hollywoods birgt bis heute eine Aktualität, die in der Retrospektive zum Vorschein kommt.

Rainer Rother, Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek und Leiter der Retrospektive: "Mae West, Rosalind Russell und Carole Lombard bieten dem heutigen Publikum auch im Hinblick auf aktuelle Fragen Antworten. Sie erörtern zeitlose Themen wie die Vereinbarkeit von Liebe, Karriere und Partnerschaft und nehmen dabei auch Bezug auf ihre Sexualität. Die drei Schauspielerinnen bringen dies in ihren Filmen ganz wunderbar zum Ausdruck."

Im Amerika der Dreißiger werden Mae West, Rosalind Russell und Carole Lombard zu gesellschaftlichen Vorreiterinnen auf der Leinwand, besonders in Bezug auf die Nichtbeachtung vorherrschender Geschlechterrollen und deren Unterwanderung. Mae West thematisiert vor allem die (weibliche) Sexualität. Rosalind Russell steht in ihren Filmen immer wieder vor der Frage, wie Karriere und Liebe oder Karriere und Ehe miteinander zu vereinen sind. Und bei Carole Lombard besteht – wie auch heute noch bei vielen – der Wunsch, aus der Provinz in die Großstadt zu fliehen, um sich dort zu verwirklichen.

Im realen Leben der Schauspielerinnen verhalf ihre Selbstbestimmtheit ihnen auch dazu, sich vom Studiosystem Hollywoods zu lösen und weiter zu entwickeln: Carole Lombard entschied sich 1936, als Selbstständige zu arbeiten, Rosalind Russell war gleich für mehrere Studios tätig, und Mae West forderte das Hays Office immer wieder hinsichtlich ihrer Außenwirkung heraus, was auch an den massiven Zensureingriffen in ihre Filme deutlich wird. In "Klondike Annie" von Raoul Walsh aus dem Jahr 1936, dem am stärksten zusammen gekürzten Film von Mae West, durfte noch nicht einmal eine Bibel im Bild auftauchen...


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