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Ninjababy - Kristine Kujath Thorp und Nader Khademi
Ninjababy - Kristine Kujath Thorp und Nader Khademi
© Motlys

Berlinale Generation 2021: Sanft flüsternd, laut schreiend

Regisseurinnen in der Überzahl

Mit sieben Weltpremieren und sechs Debuts unter den 15 ausgewählten Filmen bietet die Sektion Generation in den beiden Wettbewerben Kplus und 14plus auch in verkleinertem Umfang eine große künstlerische Vielfalt auf der diesjährigen Berlinale. Die Auswahl lässt in Spielfilmen, animierten und dokumentarischen Formen die Kraft der Imagination hochleben.

"Alle 15 Filme aus der Generation-Auswahl sind eine Einladung, über das Offensichtliche, Dominante, Laute hinauszugehen und genauer hinzuschauen. Die Filme schaffen Raum und Zeit, sich auf die vielfältigen Welten einzulassen, in denen junge Menschen aufwachsen. Es sind oft die kleinen Dinge, die ihre Lebenswege beeinflussen. Die Filme bieten eine willkommene Pause vom Leben, wie wir es gerade kennen", so Sektionsleiterin Maryanne Redpath.

Filme aus 17 Ländern bilden die kulturelle und geographische Breite ab, die ebenfalls charakteristisch für Generation ist. Mit jeweils vier Beiträgen sind Produktionen aus dem asiatischen und skandinavischen Raum in diesem Jahr besonders stark vertreten. Auffällig viele der Generation-Filme sind von Frauen inszeniert, der Anteil der Regisseurinnen liegt bei 60 Prozent, im Wettbewerb von Kplus sogar bei 75 Prozent.

Eine internationale Jury wird im Rahmen des Berlinale Industry Events Anfang März die besten Beiträge prämieren. Die Gläsernen Bären der Kinder- und der Jugendjury werden im Rahmen des Berlinale Summer Special im Juni vergeben, wo auch die Preise der internationalen Jury überreicht werden.

Willensstarke Heldinnen geben in gleich sechs der insgesamt acht Filme des Wettbewerbs Generation Kplus den Ton an. Im koreanischen Debutfilm "Jong chak yeok" (Bis ans Ende der Welt) des Regieduos Kwon Min-pyo und Seo Hansol machen sich vier Schulfreundinnen, ausgerüstet mit analogen Fotokameras, zum Ende der Welt auf, um dabei den Anfang von etwas Neuem zu entdecken. Ihre Beobachtungen an der Schwelle vom Kind zum Teenager verdichtet der Film zu poetischen Momenten.

Beherzt stürzt sich im deutsch-polnisch-luxemburgischen Kinderfilm "Mission Ulja Funk" Barbara Kronenberg's Heldin ins Abenteuer. Das Weltall fasziniert die junge Forscherin viel mehr als ihre skurrile russlanddeutsche Familie und deren Religionsgemeinschaft. Das rasante Road Movie ist aus der deutschen Initiative "Der besondere Kinderfilm" hervorgegangen.

Witzig, phantasievoll und unerschrocken ist auch Nelly in "Nelly Rapp – Monster Agent" von Amanda Adolfsson. Ob sie die Welt vor Monstern, oder besser die Monster vor der Welt schützen muss, wird für Nelly zur großen Frage um Zugehörigkeit und wahre Freundschaft. Ein skandinavischer Film für die ganze Familie, dem gelingt, was vielen Generation-Filmen eigen ist - wahrhaftig und unterhaltsam zugleich zu sein.

Mehrere Filme, die leise in ihrer Tonalität und damit groß in ihrer Wirkung sind, portraitieren junge Menschen, wie sie Unbekanntes erkunden, und sensibilisieren so für eine geschärfte Form der Wahrnehmung und Auseinandersetzung.

Die argentinische Regisseurin Betania Cappato gibt in "Una escuela en Cerro Hueso" der Entwicklung eines Mädchens mit Autismus-Spektrum-Diagnose einen filmischen Raum, der in seiner Feinfühligkeit der Protagonistin ebenbürtig ist.

Auch Reyboy, der philippinische Junge, der im Zentrum des Dokumentarfilms "Last Days at Sea" steht, hat einen besonderen Sinn für die Schönheit der kleinen Dinge. Die Filmemacherin Venice Atienza taucht mit ihm tief in seine Welt ein - eine Welt, die sich durch einen bevorstehenden Abschied verändern wird. Am Strand, im Meer und unter dem Sternenhimmel denken sie zusammen darüber nach, was Heimat, Kindheit und den Sinn des Lebens ausmacht.

Einfühlungsvermögen und eine große Wärme zeichnet Hamy Ramezan's Film "Ensilumi" (Erster Schnee) aus. Auch wenn der Asylablehnungsbescheid für seine Familie auf dem Tisch liegt, ist dies nicht nur die Fortsetzung eines Flüchtlingsdramas, sondern die Geschichte eines 13-jährigen Jungens, der versucht, das Beste aus dem Leben im Hier und Jetzt zu machen.

Wie es ist, ohne familiären Rückhalt und Bodenhaftung zu sich selbst finden zu müssen, macht die chinesische Regisseurin Han Shuai in "Han Nan Xia Ri" (Sommerflirren) spürbar. Wechselnde Erfahrungen von Gewalt, Trauer, Zärtlichkeit und ein schwerwiegendes Geheimnis prägen die Gefühlswelt der Protagonistin und die Ästhetik des Films.

Ihre Zugehörigkeit, Solidarität und das sichere Gefühl eines Zuhauses, stehen für die zwölfjährige Tekahentahkhwa, genannt "Beans", im gleichnamigen Film auf dem Spiel. Die indigene Filmemacherin Tracey Deer hat als Kind selbst erlebt, wie die Souveränität ihrer Mohawk-First Nation People bedroht wurde. Ihr Spielfilm basiert auf diesen Erfahrungen und Archivmaterial aus der Oka-Krise der neunziger Jahre in Québec.

Die Regisseurinnen der sieben Filme des Wettbewerbs 14plus tauchen tief ein in die Lebenswelten junger Menschen - Entdeckungen für alle, die mehr als das Bekannte vom Kino erwarten. Der bosnisch-kanadische Regisseur Igor Drljača, der 2019 mit "Kameni govornici" in der Forum-Sektion teilnahm, zeichnet in "Tabija" ein Bild vom Leben eines jungen Mannes in Sarajevo in all seinen hellen und dunklen Facetten. Ein Film, der als Liebesgeschichte, als Mystery-Thriller, als Sozialdrama oder als Märchen gelesen werden kann, und dabei in seiner ganz eigenen, einnehmenden Atmosphäre weit über jedes Genre hinausweist.

Traumwandlerisch sicher auf dem schmalen Grat zwischen erlebter und vorgestellter Wirklichkeit balanciert der Debutfilm "Stop-Zemlia" der ukrainischen Regisseurin Kateryna Gornostai. Sie schafft eine solch intime Nähe zu einer Gruppe Jugendlicher, dass deren Lebensgefühl auf die Zuschauer überspringt - unabhängig davon, wie lange die eigene Jugend schon zurückliegt.

Überwältigend ist auch die Lebensnähe, die Fred Baillif und seine Protagonisten im gemeinsam entwickelten Spielfilm "La Mif" kreieren. Komplex inszeniert Baillif das Zusammenspiel junger Frauen, die in einem Jugendheim eine neue Familie auf Zeit und damit ein Gefühl der Sicherheit finden. Welche Fürsorgepflicht und Verantwortung die Gesellschaft gegenüber jungen Menschen übernimmt, wird dort tagtäglich neu verhandelt.

Der schonungslosen Härte des Lebens und dem Kampf um Selbstbestimmung sind die Protagonisten vieler Generation-Filme ausgesetzt. "Fighter" von Jéro Yun ist eine feinfühlige Annäherung an eine raue Welt. Der südkoreanische Regisseur stellt mit einer jungen, unbeugsamen Nordkoreanerin im Exil eine Außenseiterin in den Mittelpunkt seines Films und erkundet mit ihr die neuen Regeln in der Fremde.

In "Ninjababy" liegt der Konflikt der jungen Frau auf der Hand: Rakel ist im sechsten Monat schwanger, aber Mutter werden will sie nicht. Regisseurin Yngvild Sve Flikke schafft in einer Kombination aus Realfilm und animierten Elementen das Kunststück, ihre Heldin leichtfüßig durch ihr eigenes Lebenschaos zu bringen.

Das Verhältnis von Mensch und Tier steht im Zentrum des dänischen Dokumentarfilms "From the Wild Sea" von Robin Petré. Es ist die Kraft des Bildes, die dem Publikum die Auswirkungen von Klimawandel und menschlichen Eingriffen in die Natur zeigt: Ein 19 Meter langer Wal, der wie ein gestrandetes Schiff auf der Küste liegt, und eine um Luft ringende Robbe, die beatmet werden muss, sprechen Bände.

Was man sich nicht vorstellen kann, muss man eben zeichnen – das ist das Credo des amerikanischen Comic-Autors und Filmemachers Dash Shaw für seinen neuen Animationsfilm "Cryptozoo". Wesen, die scheinbar nur in den Träumen von Menschen existieren, sind zur Jagd freigegeben und Shaw, der 2017 mit seinem Debut "My Entire Highschool Sinking into the Sea" schon bei Generation 14plus vertreten war, startet eine wilde Rettungsmission für sie und die Kraft der Imagination.


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