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In Bewegung bleiben - Thomas Vollmer
In Bewegung bleiben - Thomas Vollmer
© Salar Ghazi

Berlinale Perspektive Deutsches Kino 2021: Gehen oder Bleiben?

Mischung aus Doku und Fiktion

Aus 225 eingereichten Filmen ist eine interessante, den Jahrgang kennzeichnende Auswahl für die Perspektive Deutsches Kino 2021 auf der Berlinale entstanden. Drei Dokumentar- und drei Spielfilme nehmen die Zuschauer mit an Schauplätze in Dänemark, Nigeria, Kanada, den USA, Georgien, Hongkong und in Deutschland, vom Schwarzwald in Baden-Württemberg über Berlin und Brandenburg bis hin zur Ostsee.

Schaut man genauer hin, kommt schnell die Frage auf, was gilt heute überhaupt als deutscher Film? Die Filmschaffenden leben und arbeiten in einer Transitwelt und drehen in verschiedenen Sprachen. Das diesjährige Programm spiegelt wider, dass nationale Grenzen mehr und mehr verwischen, dass sich Filmemacher und ihre Geschichten fließend über geographische Grenzen hinwegbewegen. Zwar sind alle Filme majoritär in Deutschland produziert, aber die Geschichten und Biographien der Regisseure und ihrer Teams und Protagonisten schaffen transnationale Vernetzungen, die das jeweils Lokale mit dem Globalen verbinden.

Im Grunde geht es in allen sechs ausgewählten Filmen darum, wie und wo wir leben wollen beziehungsweise können. Manchmal wird daraus die lebensentscheidende Frage: Bleiben oder gehen?

In dem Dokumentarfilm "In Bewegung bleiben" erzählt Filmemacher Salar Ghazi die Geschichten befreundeter Tänzer von der Komischen Oper in Ost-Berlin, die sich bei jedem Gastspiel im Westen aufs Neue fragten, bleibe ich oder gehe ich zurück in den Osten? Gespräche über Erinnerungen aus den achtziger Jahren und privates VHS-Material erzeugen ein komplexes Bild, das das Lebensgefühl der Wendejahre wieder lebendig macht.

In seinem zweiten langen Dokumentarfilm begibt sich Regisseur und Kameramann Jide Tom Akinleminu wieder nach Nigeria, wo er geboren und aufgewachsen ist, bevor er im Alter von zehn Jahren mit seiner Mutter nach Dänemark zog. "When a Farm Goes Aflame" spielt mit den Nachwehen eines lebenslangen Schweigens. Der Film folgt den Familienmitgliedern, die auf unterschiedliche Weise ihre Rolle in der gemeinsamen Vergangenheit reflektieren und ihr eigenes Leben zukünftig anders gestalten möchten. "When a farm goes aflame, the flakes fly home to bear the tale", lautet die englische Übersetzung eines Yoruba-Sprichworts, das bedeutet, dass nichts dauerhaft vertuscht werden kann.

Der Dokumentarfilm "Instructions for Survival" macht die Zuschauer mit der Liebesgeschichte von Alexander und Mari bekannt. Aufgrund seiner Transidentität und Kennzeichnung "weiblich" im Pass muss Alexander in seiner Heimat im Verborgenen leben und kann keinen legalen Job annehmen. Das Paar überlegt, ob und wie sie ihr Land verlassen können. Regisseurin Yana Ugrekhelidze erzählt eine intime Geschichte über Zusammenhalt, die auf einen größeren sozialen Kontext verweist und die Herausforderungen des Paares sichtbar macht.

In ihrem zweiten langen Spielfilm "Die Saat" befragt Regisseurin und Co-Autorin Mia Maariel Meyer das Konzept Familie im Verhältnis zu einer ausschließlich leistungsorientierten Gesellschaft. Passt das überhaupt zusammen? Und was macht dieser Druck mit den Kindern und ihrem Recht auf eine unbeschwerte Kindheit oder Jugend? Mehr denn je geht es um die Frage, wie wir leben wollen und was wir nachfolgenden Generationen mitgeben werden.

In dem hybriden Spielfilm "Jesus Egon Christus", einer Art Fiction-Doku, erzählt das Regieduo David und Saša Vajda von einer verborgenen Gemeinschaft von gezeichneten Schicksalsgenossen in einer evangelikalen Lebenshilfeeinrichtung irgendwo an der Peripherie Berlins. Vor einer Gruppe von Menschen mit Suchtproblemen und psychischen Störungen predigt ein selbsternannter Priester und macht sich zum Messias der Bedürftigen. Hier wird dem komplexen Weg in die Unabhängigkeit eine scheinbar einfache Lösung angeboten, Jesus wird zu einem Substitut.

Der erste Spielfilm des Regisseurs und Editors Jonas Bak "Wood And Water" ist auch ein Film, in dem sich fiktionale und dokumentarische Modi vermischen. Eine allein lebende Mutter, gerade in den Ruhestand getreten, reist in das von Protesten geprägte Hongkong, um nach vielen Jahren ihren Sohn wiederzusehen. Scheint in einer vernetzten, digitalisierten Welt die Entfernung nicht zu existieren, so ist sie in menschlichen Beziehungen aber oft schmerzhaft zu spüren und braucht eine reale Ortsveränderung. Im Grunde ist der Film eine Brücke zwischen den Welten, ein Road Movie, mit den Mitteln des langsamen Kinos erzählt.


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