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Isabelle Huppert
Isabelle Huppert
© BANG Showbiz

Goldener Ehrenbär für Isabelle Huppert

Berlinale ehrt französischen Star

Die französische Schauspielerin Isabelle Huppert erhält bei den 72. Internationalen Filmfestspielen Berlin den Goldenen Ehrenbären für ihr Lebenswerk, und ihr ist die Hommage 2022 gewidmet. Im Rahmen der Preisverleihung am Dienstag, den 15. Februar 2022, wird im Berlinale Palast der Film "À propos de Joan" von Laurent Larivière als Berlinale Special Gala vorgeführt.

Die 68-Jährige ist eine der weltweit vielseitigsten Charakterdarstellerinnen mit einem beeindruckenden Œuvre von fast 150 Kino- und Fernsehfilmen sowie Serien. Mit der Berlinale ist die Aktrice seit vielen Jahren eng verbunden und war bisher in sieben Filmen im Wettbewerb zu sehen. Erstmalig war sie zu Gast mit "La vengeance d’une femme" (Die Rache einer Frau) von Jacques Doillon. François Ozon setzte sie im Musical "8 Femmes" (8 Frauen) als unscheinbare Frau in Szene, die sich schließlich in eine souveräne Schönheit verwandelt. Das Schauspielerinnen-Ensemble erhielt kollektiv einen Silbernen Bären für eine Besondere Künstlerische Leistung. Auch in "L'avenir" (Alles was kommt) von Mia Hansen-Løve entdeckte sie als Philosophielehrerin nach dem Scheitern ihrer Ehe ihre Freiheit wieder. Der Film wurde mit dem Silbernen Bären für die Beste Regie ausgezeichnet.

"Wir freuen uns sehr, Isabelle Huppert erneut beim Festival begrüßen zu dürfen. Der Goldene Ehrenbär klingt zunächst wie eine selbstverständliche Beigabe zu einer einzigartigen Karriere, da Isabelle Huppert zu den wenigen Künstlern zählt, die bereits auf allen großen Filmfestivals ausgezeichnet wurden. Isabelle Huppert ist jedoch mehr als eine gefeierte Schauspielerin – sie ist eine unnachahmliche Künstlerin, die nicht zögert, Risiken einzugehen oder sich dem Mainstream entgegenzustellen. Die Vergabe unseres prestigeträchtigsten Preises an Isabelle Huppert ist ein Bekenntnis zum Kino als unabhängige und bedingungslose Kunstform. Wir verstehen Schauspieler oft als bloße Werkzeuge in den Händen der Filmemacher; bei Schauspielern wie Isabelle Huppert verwandelt sich diese Beziehung in einen Austausch. Schauspieler können nicht nur die treibende Kraft zur Erzeugung von Emotionen, sondern auch für die Erschaffung filmischer Konzepte sein", kommentiert das Berlinale-Leitungsduo Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian.

Isabelle Huppert nahm bereits als 14-Jährige Schauspielunterricht und studierte anschließend am Conservatoire nationale supérieur d'art dramatique in Paris. Es folgten erste Erfahrungen auf der Theaterbühne. Sie startete ihre Leinwandkarriere 1972 in "Faustine et le bel été" von Nina Companeez. Isabelle Huppert trat daraufhin erstmalig in einer internationalen Produktion, in "Rosebud" (Unternehmen Rosebud) von Otto Preminger auf. Zwei Jahre später brachte ihr die Hauptrolle als schüchterne Beatrice in Claude Goretta's "La Dentellière" (Die Spitzenklöpplerin) von 1977 den Britischen Filmpreis als "Most Promising Newcomer" in Großbritannien ein.

Zahlreiche renommierte Filmemacher wie Jean-Luc Godard und Bertrand Tavernier wurden ebenfalls früh auf Isabelle Huppert aufmerksam. Für Godard stellte sie erstmals in dem Gesellschaftsdrama "Sauve qui peut (la vie)" (Rette sich, wer kann (das Leben)) ihre schauspielerische Ausdruckskraft unter Beweis. Auf die Talente der vielseitigen Darstellerin setzten schnell auch weitere weltbekannte Regisseure, darunter Olivier Assayas, Catherine Breillat, Patrice Chéreau, Claire Denis, Andrzej Wajda und Joachim Trier, ebenso US-Regisseure wie Michael Cimino, Curtis Hanson, Hal Hartley, Ira Sachs und David O. Russell. Die italienischen Filmemacher Paolo und Vittorio Taviani gaben ihr eine Hauptrolle in "Le affinità elettive" (Wahlverwandtschaften) und für Marco Bellocchio spielte sie in seinem Ensemblefilm "Bella Addormentata".

Der französische Regisseur Claude Chabrol besetzte Isabelle Huppert in insgesamt sieben Filmen, stets in besonders wandlungsfähigen und komplexen Rollen, erstmalig für die Titelrolle in "Violette Nozière" von 1978. Für ihre Leistung erhielt sie ihre erste Goldene Palme als Beste Darstellerin beim Filmfestival in Cannes. Sie spielte in "La cérémonie" (Biester) zusammen mit Sandrine Bonnaire ein mörderisches Freundinnenpaar. Für diese Rolle wurde sie mit dem Französischen Filmpreis ausgezeichnet. In ihrer letzten Zusammenarbeit mit Chabrol "L'ivresse du pouvoir" (Geheime Staatsaffären) stellte sie sehr vielschichtig eine machtbewusste Richterin dar – der Film feierte im Wettbewerb der Berlinale seine Premiere.

Prägend für Isabelle Huppert's Schauspielkarriere im Film wurde auch die Zusammenarbeit mit dem österreichischen Regisseur Michael Haneke bei vier Filmen. Als herausragende Hauptdarstellerin in seinem kontroversen Drama "La pianiste" (Die Klavierspielerin) wurde sie unter anderem als Beste Darstellerin in Cannes und beim Europäischen Filmpreis geehrt. Die französische Ausnahmeschauspielerin arbeitete seit Brillante Mendoza's Berlinale-Wettbewerbsbeitrag "Captive" auch verstärkt mit asiatischen Regisseuren zusammen. Im gleichen Jahr folgte Hong Sang-soo's Episodenfilm "Da-reun na-ra-e-seo" (In einem fremden Land), in dem die Mimin drei unterschiedliche Frauen darstellte, die alle den gleichen Namen tragen.

Auch mit weiteren deutschsprachigen Regisseuren und Schauspielern hat Isabelle Huppert erfolgreich Filme gedreht, so an der Seite von Hanna Schygulla in "Storia di Piera" (Die Geschichte der Piera) von Marco Ferreri. Sie übernahm die Hauptrolle als namenlose Autorin, die immer mehr den Bezug zur Realität verliert, in der Ingeborg-Bachmann-Verfilmung "Malina" von Werner Schroeter aus dem Jahr 1991 und erhielt dafür den Deutschen Filmpreis. Ebenfalls stand sie für "Home" der schweizerischen Regisseurin Ursula Meier vor der Kamera.

Isabelle Huppert ist die in Frankreich am häufigsten für den Filmpreis César nominierte Schauspielerin und wurde bereits zweimal mit ihm ausgezeichnet. Beim Filmfestival in Cannes gewann sie zweimal eine Goldene Palme für ihren virtuosen Schauspielstil. Dort war sie bereits in über 20 Filmen im Wettbewerb zu sehen – und hält damit auch hier einen Rekord. In den USA wurde ihr ein Golden Globe als Beste Darstellerin für ihre Hauptrolle im Thriller "Elle" von Paul Verhoeven überreicht. Dieser intensive Part einer erfolgreichen Unternehmerin, die Rache an ihrem Vergewaltiger nimmt, brachte ihr gleichzeitig ihre erste Academy Award-Nominierung ein.

Neben ihrer Leinwandkarriere feierte Isabelle Huppert auch als Theaterschauspielerin immer wieder Erfolge und wurde unter anderem mit dem Europäischen Theaterpreis ausgezeichnet. Nach "Orlando" war sie in Heiner Müller's "Quartett" als eiskalte Marquise de Merteuil erneut in einer Inszenierung von Robert Wilson zu sehen. Ebenso brillierte sie in Sarah Kanes "4.48 Psychose" in der Regie von Claude Régy. Mit diesem Stück gastierte sie in Berlin zum ersten Mal auf einer deutschen Theaterbühne und begeisterte das Publikum mit ihrer intensiven Interpretation.

2022 wird die französische Produktion "À propos de Joan" (About Joan) von Laurent Larivière, in der neben Isabelle Huppert auch Lars Eidinger zu sehen ist, in die deutschen Kinos kommen.

Die Filme der Hommage:
  • "La dentellière" (Die Spitzenklöpplerin), Frankreich 1977, Claude Goretta
  • "Sauve qui peut (la vie)" (Rette sich, wer kann (das Leben)), Frankreich 1980, Jean-Luc Godard
  • "La cérémonie" (Biester), Frankreich 1995, Claude Chabrol
  • "La pianiste" (Die Klavierspielerin), Frankreich 2001, Michael Haneke
  • "8 Femmes" (8 Frauen), Frankreich 2002, François Ozon
  • "L'avenir" (Alles was kommt), Frankreich 2016, Mia Hansen-Løve
  • "Elle", Frankreich 2016, Paul Verhoeven

Für das Filmprogramm der Hommage zeichnet die Deutsche Kinemathek verantwortlich.


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