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Pepe Mujica - Der Präsident
Pepe Mujica - Der Präsident
© Piffl Medien

Kritik: Pepe Mujica - Der Präsident (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Pepe Mujica – Der Präsident" ist ein Film der Gegensätze. Regisseurin Heidi Specogna setzt diese ganz bewusst in Szene. Mujicas Bauernhof bildet die visuelle Klammer. Am Anfang und am Ende sehen die Zuschauer Uruguays Staatsoberhaupt auf seinem kleinen Stück Land sitzen, mit sich und der Welt zufrieden. Dazwischen zeigt "Pepe Mujica" eine andere Welt, voll Glanz und politischer Bedeutung. Eine Welt, in die der kleine alte Mann mit dem schelmischen Grinsen nicht so recht zu passen scheint. Und die er dennoch mit Bravour meistert, weil er sich nicht verbiegen lässt.

Es sind diese Kontraste, von denen "Pepe Mujica" lebt. Wenn der Staatspräsident, der nur mit zehn Prozent seines Gehalts auskommt und den Rest spendet, über die spiegelnden Marmorböden des Parlaments in Montevideo schreitet oder leger, zwar mit Hemd und Sakko, aber ohne Krawatte, neben US-Präsident Obama sitzt. Wenn die Musikgruppe Aerosmith sich beim Uruguayer anbiedert oder wenn Pepe Mujica Angela Merkel erzählt, dass er zu Hause einen VW-Käfer fahre. Und wenn in diesen Momenten die fremden, großen Staatsmänner und -frauen sich verwundert die Augen über diesen unkonventionellen Politiker reiben. Das hat etwas Komisches und zugleich Rührendes. Hier lacht der Zuschauer nicht über Mujica, sondern mit ihm über Merkel & Co., gefangen in ihren steifen Konventionen, (fern-)gesteuert vom politischen Protokoll.
Zum Erscheinen des Dokumentarfilms im März 2015 ist Mujicas lockeres Auftreten ganz nebenbei auch ein Kommentar zur aktuellen Lage in Europa, in der viel über etwas so Belangloses wie den Kleidungsstil der neuen griechischen Regierung diskutiert wird. Hier führt der Staatsmann aus Südamerika gekonnt vor Augen, dass ein Politiker auch ohne Krawatte ernst genommen wird, weil seine Einstellung und nicht sein Äußeres zählt.

Die anderen großen Momente dieser Dokumentation sind diejenigen, wenn José Mujica in aktuellen Bildern und in Archivaufnahmen ganz bei sich selbst ist. Wenn er Rainer Hoffmanns Kamera etwas über das Leben und über seine Einstellung zum Leben erzählt und vor allem dann, wenn er zu seinen Mitbürgern spricht. Dann steht dieser kleine Mann bei offiziellen Anlässen schlicht in Jeans und Wildlederjacke auf einer Bühne und redet frei von der Leber weg. Und findet dennoch Worte, die berühren – jenseits aller politischer Plattitüden.

Kritiker mögen diesen einfachen Worten, die ruhig, aber mit Nachdruck mehr Chancengleichheit für die Armen, mehr Bildung für die Kinder und eine gerechtere Verteilung des Vermögens fordern, Sozialromantik und Naivität vorwerfen. Doch so wie Heidi Specognas Film José Mujica zeigt, ist dieser alles andere als ein sozialistischer Träumer und Spinner. Dazu hat er viel zu viel erlebt, dazu reflektiert er seine Ideen zu klug, und dazu geht er wie beim geplanten Gesetz zur Legalisierung von Marihuana zu viele Kompromisse ein.

Am Ende ist der Präsident mehr Realo als Sponti, ohne seinen Traum jedoch leichtfertig aufzugeben. Letztendlich zeigt Heidi Specognas Film, dass Politik auch anders funktioniert. Sicher, in einem kleinen Land wie Uruguay mit einem Parlament mit nur 99 Sitzen scheint das einfacher möglich als in demokratischen Ungetümen wie Deutschland. Dennoch: Wäre die Politik hierzulande ein bisschen mehr wie die José Mujicas, würden die Bürger auch wieder ein bisschen mehr an diejenigen glauben, die sie regieren.

Fazit: Ein gelungener Dokumentarfilm, der seinen Zuschauern auf amüsante Weise vor Augen führt, dass Politik auch anders funktionieren kann.





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