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Unter der Haut
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© Pro Fun Media

Kritik: Unter der Haut (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Alice und Frank haben 18 Jahre lang eine gute Ehe geführt. Also fallen Alice und auch die drei Kinder aus allen Wolken, als Frank gesteht, neuerdings eine Liebesbeziehung mit einem Mann zu haben. In ihrem Spielfilmdebüt erzählt die Schweizer Regisseurin Claudia Lorenz vom Coming-Out eines verheirateten Mannes vor allem aus der Perspektive der betroffenen Frau. Sie ist weitgehend allein mit ihren quälenden Fragen und der emotionalen Umwälzung, die sie befürchten lässt, ihr ganzes Eheleben lang betrogen worden zu sein. Im Laufe eines Jahres passiert in dieser Familie Spektakuläres, aber es wird wie beiläufig und in betont ruhigen Bildern geschildert.

Alice und Frank sind im Grunde beherrschte, vernünftige Leute, die nicht vor den Kindern streiten. So fahren sie sogar noch in den gemeinsamen Skiurlaub, als Alice schon von Franks Beziehung zu einem Mann erfahren hat. Frank will seine Familie ebenfalls nicht verlieren und so hoffen beide, dass es ein Zurück gibt. Franks Strategie ist Schweigen, also muss Alice immer stärker dagegen kämpfen, von ihm sozusagen zur Zweitfrau degradiert zu werden. Schritt für Schritt durchläuft das Paar, und mit ihm die ratlos zuschauenden Kinder, die Phasen einer Trennung: Alice ist wütend, umwirbt Frank, klammert. Sie fühlt sich im Scheitern, als sei sie als Person nicht mehr davor gefeit, wie ein Kartenhaus zusammenzustürzen.

Es gibt keine Schuldzuweisungen in dieser Geschichte. Auch wird nicht behauptet, dass Franks Ehe auf einer Lüge basierte, sondern im Gegenteil, dass es darin Liebe und Erfüllung gab, bevor sich etwas für Frank veränderte. Vieles passiert indirekt, indem Leerstellen umkreist werden. Oft richtet die Kamera den Blick auf die Fenster mit den mal halb, mal ganz zugezogenen, dann wieder fehlenden Vorhängen. Die Zweige vor der Scheibe, die Bäume vor der Terrasse stehen im Regen, im Schnee, im Abendlicht da – wie abgeschnitten von dem, was die Menschen drinnen bewegt. In diesen Bildern spiegelt sich auch die schwermütige Sprachlosigkeit der Charaktere, ihre schleichende, wachsende Irritation. Letztlich aber sind sie es gewöhnt, zu funktionieren: Die Krise ist kurz und intensiv, kein Dauerzustand. So unspektakulär wie hier sieht man so gewichtige Inhalte selten abgewickelt. Den authentischen Eindruck verstärkt die differenziert und trotz der Selbstbeherrschung der Figur sehr lebendig gespielte Alice.

Fazit: Das Spielfilmdebüt der Schweizer Regisseurin Claudia Lorenz erzählt so Dramatisches wie das Coming-Out eines Familienvaters und das darauffolgende Ende seiner Ehe auffallend unspektakulär. Die ruhigen Bilder spiegeln die Sprachlosigkeit der Charaktere, die dem Scheitern und dem inneren Aufruhr in ihrem lange erfolgreichen Leben keinen Platz eingeräumt haben. Die Geschichte überzeugt vor allem wegen ihrer Realitätsnähe.





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