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Kritik: Sing Street (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Prügelnde Schuljungs, kettenrauchende Kinder und desinteressierte Erziehungsberechtigte: Mit lakonischem Humor führt der Regisseur und Drehbuchautor John Carney ("Once", 2007) sein Publikum in die raue Welt des jugendlichen Protagonisten Conor ein und entwickelt dabei rasch einen ganz eigenen, ruppigen Charme. So gelingt es "Sing Street" zumindest in der ersten halben Stunde ganz wunderbar das Lebensgefühl eines Teenagers zwischen ernüchterndem Alltag und dem Traum von der weiten Welt einzufangen – da stört auch die munter voranstolpernde Erzählweise wenig, sondern scheint geradezu wie gemacht für den jungen Helden und seine ersten unbeholfenen Schritte in Richtung Coming-of-Age.

Doch nachdem Conor eine ganze Reihe von vielversprechenden, meist skurrilen Figuren um sich geschart, mit ihnen die titelgebende Popband "Sing Street" gegründet und sich unerschrocken durch das erste Demotape geschrammelt hat, scheint der irische Filmemacher John Carney die Lust an den Eigenarten seines Films plötzlich zu verlieren: Der in der Exposition detailreich heraufbeschworene Schulkosmos samt mobbenden Mitschülern und autoritärem Schulleiter wird zur austauschbaren Kulisse und selbst Conors Bandmitglieder dürfen kaum noch einen Satz sagen. Interessante Schauplätze, Figuren sowie Konflikte werden so verschenkt. Das ist vor allem in Anbetracht der toll besetzten Darsteller bedauerlich – und teilweise sogar ärgerlich, wenn die einzige schwarze Figur im Film beispielsweise lediglich dazu benutzt wird, um ein paar müde Witze über deren Hautfarbe zu machen.

Spielt keine Cover, traut euch etwas zu machen, selbst wenn ihr es nicht könnt, und habt keine Angst davor, euch lächerlich zu machen! So in etwa lautet das Credo, das Carney seinem Helden mit auf den Weg gibt und an das sich der Regisseur mit seiner formelhaften Komödie selber leider nicht halten mag. Denn die Liebesgeschichte, die in "Sing Street" letztendlich mehr und mehr Raum einnimmt, erzählt vollkommen frei von Überraschungen und Risiken von der Beziehung zwischen Conor und seiner Angebeteten, der mysteriösen Raphina. Die Chemie zwischen den jungen Schauspielern Ferdia Walsh-Peelo und Lucy Boynton stimmt zwar, aber gerne hätte man den beiden eine spannendere Story sowie ein nuancierteres Drehbuch gewünscht.

Passend zu der Handlung, die sich überstürzt von einer liebevoll überspitzten Milieuschilderung dem altbekannten Boy-meets-Girl-Schema zuwendet, wandelt sich auch der Sound des Films abrupt: Statt holpriger musikalischer Gehversuche beherrschen bald glatte, überproduzierte Songs den Soundtrack, die so gar nicht nach einer neu gegründeten Schülerband klingen wollen. Dynamisch zu erzählen und dabei nachvollziehbare, glaubwürdige Übergänge zu schaffen gelingt John Carney mit "Sing Street" leider nur bedingt. Seine Musikkomödie ist zwar weit davon entfernt, misslungen zu sein, doch es ist schade, wie viel Potenzial und welche Chancen hier ungenutzt bleiben.

Fazit: John Carneys toll besetzte Musikkomödie beginnt durchaus vielversprechend und begeistert anfangs mit ruppigem Charme. Leider verschenkt der Film viele Chancen und verliert sich mehr und mehr in einer überraschungsfreien Liebesgeschichte und überproduzierten Popsongs.





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