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Desire will set you free
Desire will set you free
© missingFilms

Kritik: Desire will set you free (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Das Spielfilmdebüt des in Berlin lebenden Amerikaners Yony Leyser ("William S. Burroughs: A Man Within") setzt der quirligen Queer- und Underground-Szene der deutschen Hauptstadt ein Denkmal. In der autobiografisch gefärbten Geschichte spielt der Regisseur und Drehbuchautor den Hauptcharakter Ezra selbst, der sich vom hedonistischen Lebensstil seiner Freunde aus aller Welt faszinieren lässt. Die körperbezogene Selbsterfahrung, Musik, Tanz, Drogen und eine bunte Vielfalt sexueller Identitäten bestimmen die Handlung. Dabei wirft Leyser einen durchaus ironisch-skeptischen Blick auf die Szene und ihre Ausschweifungen und erkennt einen "Sodom-und-Gomorrha-Aspekt der Stadt".

Leyser, der sich selbst in der LGBT-Bewegung engagierte, wird in der Stadt auch mit seiner Familiengeschichte konfrontiert. Seine deutsch-jüdischen Großeltern entkamen dem Holocaust nur knapp durch Emigration nach Palästina. Als der Filmemacher auf dem Flyer eines Queer-Underground-Fests den Spruch "Lust macht frei" - montiert auf eine Fotografie des Tors von Auschwitz – liest, ist er regelrecht schockiert. Indem er den Slogan zum Filmtitel macht, verweist er auf die Nähe der "Anything goes"-Mentalität zu Ignoranz und Realitätsverlust. Ezra, Sasha und die anderen tanzen wie auf einem Vulkan und kreisen dabei um sich selbst und die Frage nach ihrer – sexuellen - Identität. Die Stadt bietet ihnen dafür unzählige Nischen, Kiezkneipen, in denen Transsexuelle auf alteingesessene Arbeitslose treffen, Clubs mit Live-Musik für jeden Geschmack und ein zum Teil morbides Straßenbild im Wandel. Leyser drehte an Original-Schauplätzen und ließ Szene-Größen und Musiker mitwirken wie Peaches und Nina Hagen.

Die Clubparties werden mit stilvollen Überblendungen gefilmt. Im Park gibt es ein beeindruckendes Körperlust-Happening mit viel buntem Glitzer auf nackter Haut, das in seiner sonnigen Unschuld an die Power-Flower-Ära erinnert. Die Stadt selbst, oft bei Nacht oder im Morgengrauen gefilmt, hat ein unbestimmtes Gesicht, wie es ihr die Flussufer oder die Brachflächen zwischen alten Häuserzeilen geben. Die Mauer fehlt jedoch nicht, sie dient in einer aufregenden Einstellung einem Paar als Sichtschutz vor dem, was die Zukunft bringen mag. In zehn Jahren wird es diese ganz besondere Atmosphäre und die Party-Szene in der heutigen schillernden Zusammensetzung vielleicht nicht mehr geben.

Fazit: Ein visuell aufregender Trip durch die Berliner Queer-Szene und ihr ausschweifendes Nachtleben erwartet die Zuschauer im Spielfilmdebüt von Yony Leyser. Der amerikanische Wahlberliner erzählt sehr authentisch von der oft sexuell geprägten Identitätssuche junger Leute aus aller Welt, die in der Stadt persönliche Freiheit und kreatives Prekariat erproben. Die stimmungsvoll inszenierten Impressionen werden mit einem Hauch von Ironie reflektiert, ohne ihren offenen, flüchtigen Charakter zu verlieren.





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