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Kritik: Heimatland (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

"Heimatland" ist ein Kollektivfilm zehn junger Schweizer RegisseurInnen, der aus verschiedenen, lose verwobenen Episoden besteht. Im Stil von "L.A. Crash" geschnitten, konfrontiert die Geschichte ihre Protagonisten aus eben noch heiterem Himmel mit der Apokalypse. Innerhalb weniger Stunden zeichnet sich ab, dass sie tatsächlich kommt, allerdings nur auf dem Gebiet der Schweiz. Die beiden Regisseure Michael Krummenacher und Jan Gassmann, die das Projekt initiierten, beschreiben ihr Land als "immense Käseglocke, in der uns der langsame Erstickungstod droht". Zusammen mit ihren KollegInnen, die meisten von ihnen in den 1980ern geboren, kombinieren sie eine kritische Zustandsbeschreibung der Gesellschaft mit dem Wunsch, sie wachzurütteln – angesichts der wachsenden Fremdenfeindlichkeit, der globalen Probleme und der Erkenntnis, dass die Schweiz womöglich nicht immer eine wohlhabende Insel der Seligen bleiben kann.

Die Filmemacher kehren den Spieß aus pädagogischen Gründen einfach mal um: Was wäre, wenn sich zur Abwechslung die Schweizer zum Flüchtlingstreck formieren, der an den Grenzen anderer Länder um Einlass bittet? Im Fernsehen werden Vergleiche mit der Situation im Zweiten Weltkrieg angestellt, als sich die Schweiz weigerte, deutsche Juden aufzunehmen. In der Krisensituation verhalten sich viele Charaktere zunächst aber so, wie es ihnen nun mal liegt: Die Versicherer halten eine Sitzung ab, in der es um die finanzielle Absicherung der Firma geht. Der Geschäftsmann glaubt, dass ihm sein Geld aus der Patsche helfen wird. Die jungen Hitzköpfe von der Bürgerwehr verfolgen gnadenlos ein Auto – endlich haben sie mal die Erlaubnis! Eine junge Frau will unbedingt mit ihrem Freund schlafen, wenn der Sturm losgeht, wegen des Kicks.

Die nachdenkliche Haltung des Unbehagens, die die FilmemacherInnen hier einnehmen, ist sicherlich ein guter Ausgangspunkt für Kreativität. Aber dieses Drama kann über erste wackelige Gehversuche kaum hinauskommen. Die einzelnen Episoden passen atmosphärisch und auch im Erzähltempo zu wenig zusammen, und es werden zu viele, zum Teil individuelle Themen angeschnitten, mit denen sich die Figuren herumschlagen. Die Endzeitvision mutet wie eine bleierne Decke an, die lähmt und in einem unguten Kontrast zur Panikstimmung steht, die gleichzeitig heraufbeschworen werden soll. Trotzdem ist "Heimatland" interessant, weil er sich dem positiven, aber auch irgendwie aus der Zeit gefallenen Image der Schweiz konsequent widersetzt.

Fazit: In ihrem episodischen Kollektivfilm beschwören zehn Schweizer RegisseurInnen den Untergang ihres Landes in Form eines herannahenden Sturms herauf. Damit appellieren sie an einen neuen Geist der Solidarität, den sie in der Gesellschaft unterrepräsentiert sehen. Die lähmende Stimmung der tendenziell überfrachteten Geschichte und die großen Unterschiede zwischen den einzelnen Episoden schmälern den Unterhaltungsfaktor dieses an sich interessanten Projekts.





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