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Das Löwenmädchen
Das Löwenmädchen
© NFP marketing & distribution / Christine Schröder

Kritik: Das Löwenmädchen (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die norwegische Regisseurin Vibeke Idsøe hat den Roman "Das Löwenmädchen" von Erik Fosnes Hansen zu einem berührenden, epischen Kinodrama verfilmt. Mit dem Buchautor verfasste sie auch das Drehbuch, das die Geschichte eines mit einer körperlichen Anomalie geborenen Mädchens erzählt, sie aber anders als im Roman ausgehen lässt. Die pelzig blond behaarte Eva erregt Aufsehen als schaurig-faszinierende Kuriosität. Schließlich zahlen die Leute in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts auch Geld, um auf dem Jahrmarkt Kleinwüchsige, siamesische Zwillinge, aber auch exotische Dschungelbewohner mit brauner Hautfarbe zu begaffen. Eva wächst isoliert bei ihrem Vater auf. Für jemanden wie sie scheint es unmöglich zu sein, im sozialen Leben Fuß zu fassen.

Der Film umspannt einen langen Zeitraum und zeigt dabei sehr schön auf, wie die siebenjährige Eva (Aurora Lindseth Løkka) psychisch zur Vierzehnjährigen (Mathilde Thomine Storm) und zur jungen Erwachsenen (Ida Ursin-Holm) heranreift. Obwohl Eva so isoliert aufwächst, verliert sie ihr fröhliches Gemüt nicht, sondern legt als Jugendliche schnippisches Selbstbewusstsein an den Tag. Ihr neugieriger, unschuldiger Blick und ihr Strahlen, wenn der Vater ihr - allzu selten - einen Wunsch erfüllt, sind sehr bewegend. Gustav wird als ambivalenter Charakter dargestellt, der sehr mit sich ringt, aber dennoch Zuneigung für seine Tochter entwickelt. Das Drehbuch stellt Eva mit Hannah und mit einem jungen Bahn-Bediensteten zwei Figuren zur Seite, die sie vorbehaltlos akzeptieren. Das schafft ein gutes Gegengewicht zur Isolation, die sie ansonsten umhüllt.

Was dieses Drama so bemerkenswert macht, ist die bedächtige, genaue Art, mit der es sich dem Geschehen widmet. Um die Belastung spürbar werden zu lassen, die es bedeutet, so aufzuwachsen, wird das Mädchen immer wieder wartend in der Einsamkeit des Zimmers gefilmt. Einzelne Erlebnisse, wie der Besuch des Weihnachtsbaumfests, die Fahrt zum einem Medizinerkongress nach Kopenhagen, werden so ausführlich geschildert, dass man richtig in die Szenerie eintauchen kann. Aber auch Ereignisse, die weniger bedeutsam sind, erfahren Beachtung und so bekommt die Geschichte insgesamt einen sehr authentischen Charakter. Für Spannung sorgt die ebenfalls realistisch anmutende Ungewissheit, ob das Kind nicht doch sozial akzeptiert werden könnte. Auch die sorgfältige Ausstattung trägt dazu bei, dass diese filmische Reise in eine andere Epoche so überzeugend gelingt.

Fazit: Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Erik Fosnes Hansen überzeugt als berührendes Porträt eines aufgrund einer Anomalie zum Außenseiter gestempelten Mädchens. Die vor rund 100 Jahren in Norwegen angesiedelte Geschichte vertieft sich lebensnah in den gesamten Zeitraum einer schweren Kindheit und Jugend. Die sorgfältige Inszenierung beweist ein gutes Gespür für inneres Geschehen und folgt der Hoffnung der Hauptfigur. Die bedächtige, im Kino selten gewordene Erzählfreude schlägt die Zuschauer mühelos in ihren Bann.





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