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Austerlitz
Austerlitz
© dejavu filmverleih

Kritik: Austerlitz (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Der ukrainische, in Deutschland lebende Regisseur Sergei Loznitsa ("Im Nebel", "Maidan") beobachtet Besucher der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen bei Berlin. Mit der Kamera nimmt er die Touristenmassen ins Visier, die sich auf dem Gelände tummeln und den Blick auf die Geschichte quasi versperren. In dem Schwarz-Weiß-Film entsteht ein irritierender Widerspruch zwischen dem Ernst des Ortes, an den die Besucher erinnert werden wollen, und ihrer schieren Masse und Unbekümmertheit. Die Menschen strömen unablässig an der Kamera vorbei, drücken sich die Klinke einer knarzenden Barackentür in die Hand. Es geht zu wie im Taubenschlag und das Auge des Betrachters gibt die Hoffnung, sich in ruhigere Gefilde retten zu können, schnell auf.

Dafür drängen sich mit diesen unangenehmen Bildern kritische Fragen auf: Sind moderne Touristen überhaupt in der Lage, sich in die frühere Wirklichkeit eines solchen Ortes hineinzuversetzen? Warum verhalten sie sich wie auf einem Ausflug, warum sind sie so leger gekleidet und warum posieren sie zufrieden für Fotos vor Symbolen des Terrors und der Vernichtung? Aber solche Fragen stoßen schnell an Grenzen, weil der vom Filmemacher provozierte Rückschluss vom Äußeren auf die Gedanken der Menschen täuscht. Nur weil zum Beispiel so viele Menschen das Tor mit der Aufschrift "Arbeit macht frei" passieren, ohne lange davor zu verweilen, müssen sie keineswegs unbeeindruckt sein. Und wenn sich in einer Baracke Hunderte durch den Gang schieben, erstaunt sogar, wie ruhig es bleibt. Vielleicht hat Loznitsa auch den Ton der Aufnahmen manipuliert, denn man versteht meistens nicht, was die Passanten reden. Es fehlen zwar Gesten der Pietät und der Erschütterung, aber wer in Gedanken ist, muss nicht unbedingt etwas ausdrücken.

Manchmal hört man dann doch, was Gruppenführer ihren Zuhörern zu erzählen haben, auf Englisch oder Spanisch mit Untertiteln. So wird effektiv verhindert, dass die Geschichte des Ortes angesichts dieser Bilder untergeht. Die Aufnahmen des Massenandrangs werfen aber auch die berechtigte Frage auf, ob es in Sachsenhausen vielleicht geregelter zugehen sollte. Wäre es sinnvoll, den Besucherstrom zu kanalisieren, Obergrenzen festzulegen, Verzehrverbote zu erlassen? Zumindest sollte dafür gesorgt werden, dass sich die Besucher nicht gegenseitig die Sicht versperren.

Fazit: Sergei Loznitsas Dokumentarfilm wirft ein kritisches Licht auf den Besucheransturm, dem die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen an schönen Sommertagen ausgesetzt ist. Die Menschen stehen sich gegenseitig im Weg und erwecken mit ihrem lockeren Outfit und Gebaren den Eindruck, ungerührt zu sein. Doch diese Interpretation führt in die Irre, so dass sich das Filmthema auf die Frage reduziert, ob die Besuchermassen nicht stärker kanalisiert werden sollten.





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