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Die Hölle - Inferno
Die Hölle - Inferno
© Splendid Film © 24 Bilder

Kritik: Die Hölle - Inferno (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der österreichische Regisseur Stefan Ruzowitzky ("Die Fälscher") hat einen düsteren, knallharten Thriller gedreht, der an skandinavische Filme des gleichen Genres erinnert. Zwei Personen, die im Leben nichts zu lachen haben und für ihre Mühsal keine Belohnung erhalten, laufen sich in Wien über den Weg. Die eine wird nämlich von einem Serienmörder gejagt und die andere ist der ermittelnde Kommissar. Die Morde des kranken Frauenhassers sind bestialisch. Was aber ebenfalls aufwühlt, ist die soziale Kälte in diesem Wien und die Sprachlosigkeit, die zwischen Einheimischen und Immigranten herrscht. Umso ergreifender mutet dann die zarte romantische Beziehung an, die sich zwischen der einsamen Taxifahrerin Özge und dem zynisch-genervten Kommissar Steiner anbahnt.

Özge ist eine starke, spannende Frauenfigur. Die junge Türkin kämpft gegen ihre inneren Dämonen, den Missbrauch durch den eigenen Vater, die Frauenfeindlichkeit, die ihr entgegenschlägt. Zum Beispiel in der Thaibox-Schule ihres Ex-Freundes, in der sie unter lauter Männern trainiert. Sie ist es gewöhnt, ausgegrenzt zu werden, und sucht von sich aus das Weite, sobald ihr jemand Vorschriften machen will. Und dann ist da dieser österreichische Kommissar, der sie ebenfalls schwach anredet, ihren Kampfsport als "Türkenboxen" bezeichnet. Später wird er sie belehren, dass sie mehr sprechen müsse, aber da hat sich seine Einstellung ihr gegenüber schon gewandelt. Eine wichtige Nebenfigur ist Steiners dementer Vater, der für humorvolle Einlagen sorgt und Özge auch verstehen hilft, dass der Kommissar ein Mann mit Herz ist. Der ruppige Dialogwitz wartet mit reizvollen Kostproben trockenen österreichischen Humors auf.

Das türkische Umfeld Özges lebt am Rand der Wiener Gesellschaft, nicht wirtschaftlich, sondern sozial. Die Leute sind mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, vor allem mit der Beziehung zwischen Mann und Frau. Özge scheint Gewalt irgendwie anzuziehen, vielleicht weil sie sich nicht wegduckt. Ihre Kampfsportkenntnisse drücken ihren Anspruch auf ein selbstbestimmtes Leben aus und den Protest gegen ihr Elternhaus. Die düstere, bedrohliche Stimmung entlädt sich immer wieder in harten Actionszenen. Der Serienmörder hat nicht mit einer Kämpferin gerechnet. Dass der Serienmörder ein Moslem mit islamistischem Frauenbild und zugleich Psychopath ist, wirkt allerdings überzeichnet. Der Film ist so wenig perfekt wie das Wien, das er hier schildert, aber er hat Kraft, Elan und ein Faible fürs Erdige, Prekäre im Alltäglichen.

Fazit: Stefan Ruzowitzkys düsterer Thriller über eine Wiener Taxifahrerin im Visier eines Serienmörders wartet mit harten Gewalt- und Actionszenen auf. Zwischen türkischstämmigen und alteingesessenen Österreichern herrscht Sprachlosigkeit, aber die junge Özge und der zynische Kommissar Steiner entdecken das Verbindende ihrer Einsamkeit. Die zarte Romanze entwickelt einen stimmigen, gelungenen Kontrast zum Begleitstrom aus Chaos und Zerstörung.





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